Schattenblau Leseprobe Band 1

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 Prolog

 

Die Zeit steht still.

Aus dem Abgrund des Meeres tauchst du hoch, siehst den Kiel der Yacht über dir und schwimmst hin.

Unruhig lecken die Wellen am Rumpf, die Ankerkette klirrt leise. Du gleitest in den zitternden Schein der Lichter, hältst inne und wirst eins mit dem Meer. Deine Hand, die nach der Ankerkette greift, ist nur noch Erinnerung. Du schwingst mit den Wellen, Wasser wogt im Wasser. Es ist, als gäbe es dich nicht.

Er verlangt aber, dass du auftauchst und dich ihm zeigst, weil du allein dort oben wie die Dinge dieser Welt bist: sichtbar. Der Mörder aus der Tiefe fürchtet sich vor deiner Gabe, denkst du mit einem Anflug von Genugtuung. Er will dich sehen, um dich zu töten.

Gut, er soll es bekommen. Du wurdest in die Welt die Menschen geschickt und bist heute Nacht bereit, für eins ihrer Mädchen zu sterben. Dein Mädchen. Mit einem Mal ist die Erinnerung da: ihr wunderschönes Lächeln, das dir jedes Mal den Atem raubt, ihr warmer Duft, der dich an den Spätsommer erinnert, und ihre Augen, deren Sog dich wie eine klare Tiefenströmung zu sich zieht.

Plötzliche Wut. Heiß und tödlich sickert sie durch deine Adern und füllt jeden Zentimeter von dir aus. Die Vernunft schwindet und du wirst zum Kampf getrieben. Du könntest dabei sterben, doch das ist unwichtig. Um deine Liebe kämpfst du, nicht um dein Leben. Denn du hast dem nur eins entgegenzuhalten: die Entschlossenheit, alles aufs Spiel zu setzen, um sie zu retten.

Du erzitterst, die Anspannung erfasst deinen ganzen Körper und einen Herzschlag lang zögerst du doch. Dann gibst du dir einen Ruck. Geräuschlos und flink ziehst du dich an der Ankerkette hoch, schnellst durchs Wasser und durchdringst die Oberfläche.

Du riechst den Wind und siehst deine Hand, wie sie die Reling packt.

 

1. Glut und kalte Asche

 

»Wohin bitte?«

In der allgemeinen Aufregung ihrer Familie ging Lillis Frage unter. Sie setzte sich in ihrem Stuhl auf.

»Mom! Wohin?« Alle verstummten. Sie hatte geschrieen. Drei Paar Augen sahen sie mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen an.

»La Perla«, sagte ihre Mutter mit Missmut in der Stimme, der jedoch gleich wieder verschwunden war. »Das liegt in Südspanien. Es soll dort sehr schön sein.« Als wäre das noch kein Grund zum Jubeln, fügte sie wie eine Künstlerin, die ihrem Werk einen letzten genialen Pinselstrich verpasst, hinzu: »Wir werden direkt am Meer wohnen. Besser als Urlaub, du wirst sehen, Lil!« Ende des Pinselstrichs. Ihre grünen Augen leuchteten noch grüner und die roten Locken wippten, als könnten sie sich vor Freude kaum fassen.

Lilli war die Einzige am Tisch, die nicht strahlte.

»Und euer Vater kann wieder auf seinem Gebiet forschen«, sagte ihre Mutter, beim Reinigen der Pinsel sozusagen. Sie plapperte weiter, doch Lilli blendete sie aus. Nur ein Gedanke biss sich an ihr fest wie ein hungriger Piranha – sie musste für lange anderthalb Jahre New York verlassen und nach Spanien gehen.

Grimmig starrte sie ihre ineinander verschränkten Finger an und bemühte sich, nicht dem Impuls nachzugeben, die Decke mitsamt dem Geschirr vom Tisch zu zerren.

Es war ein lauer Frühsommerabend, sie saß beim Abendessen in der gemütlichen Küche ihres New Yorker Apartments. Mit Blick über den Central Park, mit gebackenem Fisch und Kartoffeln und mit einem gemütlichen Plausch über ihre Schulprojekte für den Sommer. Der Auftakt eines normalen, unaufgeregten Wochenendes eben.

Aber der Fisch wurde kalt, passend zur Wir müssen mit euch etwas Wichtiges besprechen-Rede von eben. Der Abend war zu einem Albtraum geworden und Lilli eine stumme Hysterikerin. Im Gegensatz zu ihrem Bruder. Chris hatte sich so sehr in diese Idee verliebt, dass die Worte aus ihm herausströmten wie Wasser bei einem Dammbruch. Der Blumenstrauß, der in einer bauchigen Kristallvase auf dem Esstisch stand, höhnte mit seiner Farbenpracht und machte das Ganze nur noch schlimmer.

Nein, es war kein normaler Abend, Lilli saß sprachlos da, während ihr Leben wortgewaltig ruiniert wurde. Abwechselnd schaute sie ihre Eltern an und konnte es nicht fassen. Auch nicht in Worte.

»Sprachschule … schon eingeschrieben … beginnt Mitte September … Flüge gebucht … Lil, du kommst nach, wenn du dein Sommerprogramm durch hast …«

Alle anderen würden schon bald abreisen. Und das ließ ihren Bruder um einige Grad mehr erglühen. Sie bekam also eine Gnadenfrist, weil sie bereits bei zwei Sommerprojekten angemeldet war? Darüber wollte sie doch gerade reden! Sie ließ es sein.

Von wegen »Vertiefen der Spanischkenntnisse«! Mexiko wäre näher gewesen! Das Forschungsministerium aber hatte ihren Vater mit diesem Projekt in Spanien geködert, weshalb nun alle die Koffer packen mussten.

Ihr Vater Louis war Biomediziner und Ozeanograf. Er war schon weltweit im Einsatz gewesen, hatte aber vor drei Jahren einen festen Posten in New York angenommen, um mehr bei der Familie sein zu können. Seitdem arbeitete er in einem Labor am Biomedizinischen Institut für Ozeanforschung. In letzter Zeit war deutlich geworden, dass ihm die Arbeit am Meer fehlte, obwohl der Atlantik nicht weit weg war. Die Sendungen über Ozeane und Meerestiere, die er sich im Fernsehen anschaute, häuften sich. Die Gespräche, in denen er in Erinnerungen ans Meer schwelgte, auch.

Und jetzt war diese Gelegenheit ins Haus geflattert. Die Familie durfte mitgehen – alles bezahlt natürlich –, warum also lange überlegen? Eine Chance wie diese käme so schnell nicht wieder. Ihre Mutter konnte als freie Fotografin überall arbeiten.

Nur warum hatten sich dann ihre Eltern in letzter Zeit dauernd gestritten, wenn alles so prächtig war? Auch das Wort »Scheidung« war einmal gefallen. Lilli fand die Eintracht ihrer Eltern bei dieser Geschichte sehr seltsam.

Gerade als sie dies ansprechen wollte, bemerkte Lilli den Gesichtsausdruck ihres Vaters, der seinen Kopf in die Hand gestützt hatte und seine Gabel betrachtete. Eine Haarsträhne fiel ihm in die Stirn.

»Ist doch nur für ein Jahr«, war sein Beitrag zum Thema Spanien. Er stocherte auf seinem Teller herum und wich Lillis empörten Blicken aus.

»Anderthalb, meiner Rechnung nach, Dad. Aber ein Jahr klingt weniger bedrohlich, nicht wahr?«

»So oder so viel zu kurz, wenn ihr mich fragt.« Chris schaute in die Runde, doch keiner fragte. »Komm schon, Schwesterchen, du hast doch sonst nichts gegen Abenteuer«, setzte er noch augenzwinkernd hinzu, sie ging aber nicht darauf ein. Sie hatte noch nie was übrig für Abenteuer.

Das Essen lag Lilli schwer im Magen, als sie vom Tisch aufstand. Sie hatte das Gefühl, sie würde es nie mehr verdauen. Jedenfalls nicht an diesem Wochenende.

»Mom, wohin noch mal?«, fragte sie im Türrahmen.

»Spanien, Schatz. Das liegt in Südeuro …«

»Herrgott! Ich weiß, wo Spanien liegt.«

 

Sechs Wochen nach der Abreise ihrer Familie saß Lilli auf dem Teppich in ihrem Zimmer. Ihr Ärger war in dieser Zeit kein bisschen kleiner geworden. Diese Wut, die sie von sich nicht kannte, hatte vor wenigen Minuten dazu geführt, dass sie ihr Spanischwörterbuch an die Wand geschleudert hatte.

Noch bevor ihre Eltern hier alles geregelt hatten – die Wohnung würden sie behalten, wobei das Blumengießen und die Post Mr Bondi, der Portier, übernehmen würde –, hatten sie ihr neues Leben in Spanien organisiert: Wochen vor ihrer Abreise war eine Wohnung dort gemietet, die Anmeldung an der Sprachschule für Chris und sie erledigt, ja, sogar Fahrräder standen bereit.

Nach der Abreise ihrer Familie war sie an ihren Wandschrank gegangen und hatte ihn nach der Weltkarte durchstöbert. Sie fand La Perla nicht, La Perla gab es da gar nicht. Sie sollte für anderthalb Jahre in ein spanisches Kaff, das auf einer ordentlichen Landkarte noch nicht mal verzeichnet war! Die Internetsuche sparte sie sich.

Der Blick, den sie jetzt in ihrem Zimmer umherschweifen ließ, war ein Abschiedsblick. Erst vor Kurzem hatte sie es umgeräumt, weil sie das Gefühl gehabt hatte, dass mit dem Ende ihrer Beziehung zu Mo auch ihre Mädchenzeit zu Ende sei. Wobei die Bezeichnung »Beziehung« nicht ganz passte: Mo war eher ein Reinfall gewesen, der sich über vier Monate hingezogen und sie fast ihre Unschuld gekostet hatte.

Schnell schüttelte sie den Gedanken wieder ab. Zumindest äußerlich hatte sie es geschafft, die Mo-Geschichte aus ihrem Leben und ihrem Zimmer zu verbannen. Und überhaupt fand sie ihr Zimmer mittlerweile sehr erwachsen. Kein Schnickschnack, der darauf hindeutete, dass hier ein romantisch veranlagtes, zum Kitsch neigendes Mädchen wohnte, das dumm genug gewesen war, jemandem zu vertrauen, der einem mit dem treuesten Augenaufschlag die dicksten Lügen auftischen konnte. Nein, seit Mo war Schluss mit Abenteuer.

Dezent war das Motto dieses Sommers, von der Bettwäsche bis zur Unterwäsche. Ihre heißgeliebten Kuscheltiere waren in einer Kiste in der Abstellkammer verschwunden, dafür standen jetzt ein Schmuckkästchen und ein Blumentopf mit einem Kaktus auf ihrer weißen Spiegelkommode.

Zwei Fotos in schlichten Holzrahmen lehnten an der Wand. Eins zeigte sie zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Großmutter vor deren Haus in Long Island. Das andere war eine Porträtaufnahme von ihr mit ihren beiden besten Freundinnen Phoebe und Marge an ihrem siebzehnten Geburtstag.

Es war aber auch wie verhext, dass beide gerade jetzt verreist waren! Sich am Telefon oder per Mail auszuheulen war nicht das Gleiche, wie persönlich darüber jammern zu können. Zu ihrer größten Verärgerung waren beide entzückt, dass Lilli »endlich etwas Neues« erleben konnte.

Phoebe, die in die gleiche Schule ging wie sie, war – welche Ironie! – mit ihrer Familie in den Ferien in Europa und schwärmte auf Facebook bildgewaltig von den Orten – auch von Spanien natürlich –, die sie dort besuchte. Phoebe war noch nie kulturbegeistert gewesen und ihr Plan war lächerlich durchschaubar: Sie wollte Lilli für Spanien gewinnen.

Und Marge war auf einem internationalen Künstlerkongress an der Westküste Amerikas zu Gast, der über vier Wochen ging. Lilli kannte die zwölf Jahre ältere Marge, die in Brooklyn eine kleine Kunstgalerie betrieb, über ihre Mutter, die in Marges Galerie ihre erste Fotoausstellung gehabt hatte. Zum Thema Spanienreise schrieb sie nur: »Bringt dich auf andere Gedanken – ich weiß, dass du noch an Mo denkst. Ist er nicht wert, vertrau mir. Liebes, du hast keine Ahnung, wie sehr ich dich beneide!« Nein, hatte sie nicht. Wieso verstand eigentlich niemand ihren Kummer?

Jedenfalls waren die vergangenen Wochen allein nicht gut gewesen. Das behielt sie für sich. Ihre Eltern durften nicht erfahren, dass es ihr nicht leichtgefallen war und dass sie irgendwann bereut hatte, nicht doch mit ihnen geflogen zu sein. Nur keine Blöße geben. Sollten sie weiter glauben, sie sei die selbstständige, pflichtbewusste Person, für die sie sie hielten.

Ihr Vater behauptete nämlich gerne, dass sie schon früh erwachsen und vernünftig geworden war und verglich sie in dieser Hinsicht mit ihrer älteren Freundin Marge, aber auch mit ihrem Bruder. Allein schon der Vergleich mit Chris trieb sie zur Weißglut. Und dann noch dieses ewige »meine Große«, das noch nicht einmal der Wahrheit entsprach.

Chris war der Ältere, über ein Jahr älter als Lilli. Aber nur auf dem Papier, denn er war noch »pubertär«, wie ihr Vater naserümpfend in regelmäßigen Abständen darüber lästerte. »Du hingegen, Lilli, warst schon eine alte Seele, als du zur Welt kamst«, pflegte er dann zu sagen. Dabei vergaß er zwei Dinge: Sie war nicht freiwillig zur Welt »gekommen«, sondern hatte seelenruhig den Geburtstermin im Bauch ihrer Mutter ignoriert und musste per Kaiserschnitt geholt werden. Und sie mochte das Wort »alt« nicht. Nicht auf sich bezogen.

Von wegen erwachsen, maulte sie in Gedanken. Und wieso, bitte schön, durfte sie dann nicht selbst entscheiden, wo sie leben möchte? Mit ihrer Meinung zu der ganzen Spaniengeschichte, die knapp zusammengefasst »Nein« hieß, war sie auf taube Ohren gestoßen. Und auf Starrsinn. Und schließlich auf Verärgerung, als sie vorgeschlagen hatte, einfach in New York zu bleiben. In wichtige Fragen bezog man Kinder nicht ein, wie selbstständig sie sonst auch sein mochten. Basta.

Lilli hob das Wörterbuch auf, das sie gerade gegen die Wand geschleudert hatte, und legte es auf ihre Kommode.

Wenn sie jetzt an die Wochen zurückdachte, wunderte sie sich, wie schnell sie doch vergangen waren. Sie war bis dahin nie länger als ein paar Tage ohne Familie gewesen und immer gut zurechtgekommen. Diesmal hatte ihr die längere Einsamkeit nicht gutgetan. Sie hatte zwar kein einziges Mal geheult, aber natürlich hatte Marge richtig gelegen: Sie hatte auch wieder öfter an Mo gedacht. Mit einem Seufzer ließ sie sich aufs Bett fallen und starrte an die Decke.

Wieso konnte sie sich nicht – wie ihr Bruder – einfach auf das neue Leben freuen? Für ihn war der Umzug wie gerufen gekommen. Er hatte gerade die Highschool beendet und noch keinen Plan, wie es weitergehen sollte. Sein zukünftiges Leben durfte jetzt mal warten.

Chris hatte es kaum erwarten können, sich ins Abenteuer zu stürzen. In seinem Kopf bedeutete Spanien Toreros, Stierkämpfe und tapfere hombres an der Seite schöner Mädchen. Vielleicht auch Zorro. Ja, ganz sicher Zorro.

Lilli schmunzelte. Auch für ihn endete die Reise in einem andalusischen Kaff, wo sich seine Vorstellungen vom großen Abenteuer schnell als Hirngespinste herausstellen würden.

Ein Gefühl des Abschieds und Alleinseins überwältigte sie und weinend vergrub sie ihr Gesicht in ein Kissen. Der Tag neigte sich dem Ende zu. In den Straßen der Upper East Side verebbten die Geräusche gleichzeitig mit ihrem Schluchzen, und außer dem regelmäßigen Heulen der Sirenen wurde es still in Lillis Zimmer im 12. Stockwerk.

Sie wischte sich die letzten Tränen von den Wangen und richtete sich auf. Ihr Blick fiel auf die beiden Reisetaschen, die vor ihrem Schrank standen. Kurz kam ihr der Gedanke, noch einmal umzupacken. Doch sie verwarf ihn wieder. Sie war seit Tagen nicht in der Lage, das Thema Packen praktisch anzugehen, jetzt hatte es auch keinen Sinn mehr, damit anzufangen.

Die Müdigkeit trieb sie schließlich ins Bad und als sie das allabendliche Ritual des Zähneputzens, Gesichtwaschens und Haarbürstens beendet hatte, kroch sie ins Bett.

Sie wartete lange auf den Schlaf.

 

Das Flugzeug rollte träge zur Startbahn. Die beiden seitlichen Gangways, über die noch vor wenigen Minuten 200 Paar Füße gelaufen waren, blieben nutzlos zurück und führten ins Nichts.

Lilli saß an einem Fenster im vorderen Teil der Maschine und starrte in die Dunkelheit. Es war kurz vor sechs Uhr morgens und ihr dritter Start, da sie mehrfach hatte umsteigen müssen. Besorgniserregend war, dass die Flughäfen mit jedem Mal kleiner wurden.

Der Flughafen, den sie in wenigen Minuten verlassen würde, war winzig und lag auf einer Insel. Er hieß La Palma. Reizend, dachte sie grimmig und verzog das Gesicht. Gut möglich, dass alle Orte in Spanien, die weniger als tausend Einwohner hatten, ein »La« im Namen trugen.

Während die Maschine warm lief, begann ihr Sitznachbar zu schnarchen. Es war ein älterer Herr mit Mundgeruch, der zuvor erfolglos versucht hatte, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Lilli fiel erst jetzt auf, mit welcher Selbstverständlichkeit er sie auf Spanisch angesprochen hatte. Woher wollte er wissen, ob sie ihn verstand? Dass sie dunkle Haare hatte und auf einem spanischen Flughafen an Bord gegangen war, musste nicht bedeuten, dass sie Spanisch sprach, oder? Sie tat es zwar, und das sogar ziemlich gut, aber sie hatte keine Lust, sich zu unterhalten. In keiner Sprache.

Ihre Einsilbigkeit hatte den Mann verstimmt. Beleidigt hatte er die wulstigen kleinen Finger über seinem Bauch verschränkt und versucht, von Lilli wegzurücken. Die Masse seines Leibes hatte ihn daran gehindert.

Ein Anflug von Bedauern überkam sie. Sie hätte nicht so unfreundlich sein müssen, schalt sie sich und warf ihm einen kurzen Blick zu. Doch insgeheim war sie froh, dass er aufgegeben hatte.

Seit ihre Eltern sie allein in New York zurückgelassen hatten, war ihre schlechte Laune zu einer katastrophal schlechten Laune geworden, die jetzt mit ihrem dritten Start einen neuen Höhepunkt erreichte. Zusammen mit Flugangst und Müdigkeit ein gefährlicher Mix. In den letzten zwölf Stunden hatte sie kein Auge zugetan.

Die Maschine beschleunigte und Lilli wurde in den Sitz gedrückt. Ihre Finger krallten sich um die Lehnen, ihr Atem ging schneller und kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Alles Symptome von Panik – wie bei jedem Start. Das Beben des Flugzeugs erfasste sie ganz.

Sie rasten an Hunderten grünen, blauen und gelben Bodenlichtern vorbei und hoben ab. Als sich die Maschine schwindelerregend neigte, einen Bogen flog, verschwanden die Lichter und Lilli hielt die Luft an. Sie dachte einen Moment, sie würden dem schwarzen Himmel entgegenstürzen, bis die Maschine zurückschwenkte und sie Autos wie Schlangen aus flüssigem Feuer kleiner werden sah. Dann erneut Dunkelheit, als hätte jemand das Licht auf der Erde ausgeknipst.

Auf dem Bordmonitor lief der Film über die Sicherheitsmaßnahmen, die Lilli auch jetzt noch mehr Angst machten, als sie zu beruhigen.

So viel zum Thema Erwachsensein, dachte sie und kam sich in der vibrierenden Maschine, die sie vom sicheren Boden davontrug, ziemlich verloren vor. Der Lärm der Turbinen, die Sicherheitsinstruktionen, draußen nichts als Dunkelheit – einen Augenblick lang war sich Lilli nicht mehr sicher, ob das tatsächlich ihr dritter Flug war, oder ob sie immer noch den ersten erlebte. Oder wieder erlebte, so wie Bill Murray in Und täglich grüßt das Murmeltier. Sie schüttelte den Kopf, um den absurden Gedanken zu verscheuchen. Das hier war kein komischer Film. Es war gar kein Film, es war ihr verkorkstes Leben. In echt!

Die Stewardess kam und brachte Frühstück. Lilli bestellte einen Kaffee dazu. Als sie den Becher mit der duftenden warmen Flüssigkeit in Händen hielt und daran nippte, entspannte sie sich etwas. Gleichzeitig überkam sie – trotz des Kaffees – eine bleierne Müdigkeit. Sie kaute in Zeitlupe ihr Käsebaguette, das nach nichts schmecke, und schaute mit brennenden Augen in die Finsternis, durch die sie flog.

Nach dem Start in New York, als die Lichter der Rollbahnen unter ihr verschwunden waren, hatte Lilli außer einem Wetterleuchten stundenlang kein einziges Licht gesehen. Ein unwirkliches Gefühl über dem Atlantik, als wären Raum und Zeit abhandengekommen. Und Licht, wie jetzt.

Die Bordmonitore zeigten zwischen Videoclips und Cartoons die Flughöhe an, die zwischen 11.324 und 11.326 Metern hin und her pendelte. Ihr fiel unwillkürlich ein, dass sie irgendwo gelesen hatte, wie ein bekannter Regisseur mit seinem eigenen U-Boot in den Marianengraben im Pazifik hinabgetaucht sei, zum tiefsten Punkt der Erde in über elf Kilometern Tiefe. Sie verzog das Gesicht und dachte, dass es dort genauso dunkel und lebensfeindlich war wie hier draußen, und dass er – außer ein paar Bildern vom kahlen Meeresgrund – nicht viel gesehen haben dürfte. Seltsam, welche Gedankensprünge ein übermüdeter Verstand machte.

Lilli rückte weiter weg vom Fenster und schaute unter schweren Lidern in die Finsternis hinter der Scheibe. Sie sah ihr schmales blasses Gesicht darin gespiegelt wie ein Trugbild, das die Wirklichkeit überlagert. Grüne, mandelförmige Augen starrten ihr entgegen, die jetzt von tiefen Schatten umrandet waren. Selbst die Lippen sahen farblos aus, als gäbe es sie in der allgemeinen Blässe ihres Gesichts gar nicht. Sie hatte sie von ihrem Vater geerbt, dessen französische Abstammung sich deutlich in seinem markanten, olivefarbenen Gesicht abzeichnete. Dort fielen die vollen Lippen allerdings nicht so auf wie bei ihr, fand sie, und fuhr unwillkürlich mit der Zunge über die spröde Haut.

Mit einem winzigen Teil ihres Verstands, der noch nicht gänzlich betäubt war, registrierte sie, dass ihre Haare, die im Leselicht wie dunkles Nugat glänzten, unordentlich nach allen Seiten abstanden. Resigniert löste sie den Haarknoten und warf sich einen letzten Blick zu. Wie merkwürdig, dachte sie, die Müdigkeit ließ sie fremd aussehen. Dann schloss sie die Augen.

Vielleicht war sie kurz eingeschlafen, vielleicht hatte sie aber auch nur mit gedankenleerem Kopf dagesessen. Verpasst hatte sie nicht viel. Als sie mit Mühe ihre Augen öffnete, zogen in der Finsternis immer noch Lichtinseln vorbei.

Egal, dachte sie, Hauptsache, sie kam endlich an. Nach der Landung lag noch eine 150-Kilometer-Autofahrt vor ihr. Lästig, doch wenigstens war ihre Mutter, die sie abholen sollte, eine gute Fahrerin.

Plötzlich und ohne Vorwarnung färbte sich der Horizont glühend rot. Die aufgehende Sonne übergoss die gegenüberliegende Sitzreihe mit Kupferlicht. Der Anblick erinnerte sie an Sonnenaufgänge, die sie in ihrem New Yorker Zimmer erlebt hatte. In diesem Licht wirkten die einzelnen Wolken unter ihr wie grau-schwarze Schleier. Als hätte die Sonne nach der Glut und dem Feuer des Aufgangs kalte Asche hinterlassen.

Jemand hatte mal gesagt, New York sei ein Gedicht, in Fels gehauen. Fernab von der vertrauten Betriebsamkeit der Stadt verstand Lilli plötzlich, was damit gemeint war. Aus dem Elternhaus ihrer Mutter Suzú, das an der Küste einer idyllischen Kleinstadt auf Long Island lag, waren sie in das gewaltige New York gezogen, als Lilli ein Baby war. Sie kannte nichts anderes, New York war ihre Welt und jetzt, da sie sie verlassen hatte, merkte sie, wie sehr sie daran hing.

Das Wort »Heimat« hatte bisher nie etwas Großartiges für sie bedeutet, doch hier bekam es Gewicht und Lilli spürte zum ersten Mal in ihrem Leben Heimweh. Es war wie ein Ziehen im ganzen Körper, wie Sehnsucht, nur viel umfassender. Na toll, und sie war erst ein paar Stunden von zu Hause weg.

Sie räusperte sich und unterdrückte eine Schimpftirade. Ihr Sitznachbar räusperte sich ebenfalls, drehte den Kopf zur anderen Seite und schnarchte weiter.

Vielleicht hatte ihre Mutter deshalb nicht gegen den Umzug in ein spanisches Kaff protestiert, weil sie sich dort an ihre Jugend in ihrem Elternhaus am Atlantik erinnert fühlte, überlegte Lilli. Zugegeben, die Ferien bei ihrer Granily, der quirligen Großmutter, die mit ihren bald 80 Jahren allein in dem alten Haus in Southampton am Nordatlantik lebte, waren immer toll gewesen. Doch sofort erinnerte sich Lilli auch daran, dass sie irgendwann die Einöde unerträglich gefunden hatte. Der Gedanke verflüchtigte sich im Karussell anderer Erinnerungen aus ihrem müden Kopf.

Vorige Woche hatte ihre Großmutter vor der Tür ihrer New Yorker Wohnung gestanden.

»Sag nichts, Schatz. Ich tue es nicht gern, das weißt du«, hatte sie mit einem Seufzen gesagt und sich zur Tür hineingeschoben, einen kleinen Koffer auf Rädern im Schlepptau. Ein großes Opfer für ihre Granily, die New York mit Leib und Seele verabscheute.

»Suzú hat mich herbeordert«, berichtete sie, während sie sich ihrer Schuhe und ihres Gepäcks entledigte.

»Deine Mutter macht sich Sorgen, dass dir die Einsamkeit nicht bekommt«, sagte sie später. Sie musterte Lilli forschend aus den Tiefen der Wohnzimmercouch, in denen sie mit ihren knapp ein Meter sechzig beinahe ganz verschwand. In der Hand hielt sie eine Tasse frisch gebrauten Tees und die fruchtig duftenden Dampfwölkchen, die aus der Tasse stiegen, verfingen sich in ihrem grauen Wuschelhaar. Lilli musste lächeln. Seit Wochen das erste Lächeln.

»Gran, ich bin okay.«

»Hm«, war alles, was ihre Großmutter dazu sagte, bevor sie zum Alltag überging.

Doch sie blieb nicht lange bei Lilli. New York machte sie wahnsinnig, wie sie es ausdrückte. Allein die Sirenen im Minutentakt.

»Wie kann man nur hier leben?«

»Ganz okay, man gewöhnt sich daran.«

»Oh, ich bin zu alt, um mich an so etwas zu gewöhnen. Da ist mir meine Ruhe draußen in den Hamptons lieber. Gelegentlich ein Sturm – das war es dann aber auch.« Sie verzog ihr Gesicht und Lilli schien es, als würden ihre Falten in alle Richtungen davonfließen.

»Gran, wie hältst du nur die Einöde aus?«, fragte Lilli am letzten Abend. Ihre Großmutter sah sie eine Weile ernst an, bevor sie mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck antwortete:

»Lil, es gibt nichts Schöneres als die Stille. Wenn die Welt aufs Wesentliche schrumpft, bist du selbst viel größer. Du bist dir dann am nächsten. Und irgendwann im Leben ist das das Wichtigste, ganz gleich wie aufregend die Welt sonst ist. Die Stille am Meer ist etwas ganz Besonderes. Es gibt keinen Ort, der fantastischer ist.« Sie blickte ins Leere, als würde sie über das unendliche Meer vor ihrem Haus schauen. Es war der Blick, den alte Leute manchmal haben, wenn sie weit zurück in ihr Leben schauen. Ein Lächeln spiegelte sich in ihren gütigen Augen und sie strahlte eine Zufriedenheit aus, um die sie Lilli plötzlich beneidete. Jäh sah ihre Großmutter sie an und zwinkerte ihr verschmitzt zu.

»Ich wurde so geliebt, dass es mir bis zum Schluss reichen wird. Das Glück hat nicht jeder.« Und ernster: »Schatz, mach dir keine Sorgen, Spanien wird toll. Öffne dein Herz dem Meer und der Stille. Dort findest du die größten Wunder. Und lass dir eins sagen: Das Meer schweigt nie ganz, es hat immer etwas zu erzählen. Mal ist es laut, dann wieder leise, aber nie ganz still.«

»Danke, Granily.«

Es war Zeit, endlich anzukommen.

Das Glutrot des Sonnenaufgangs verblasste, als die Maschine an Höhe verlor und in eine Wolkenschicht wie aus goldener Gaze tauchte. Als sie aus der Wolkendecke brachen, sah Lilli im Morgenlicht, so weit das Auge reichte, trostlos-hellbraune Erde. Eine Wüstenlandschaft, nur unterbrochen von kleinen Tälern und Flussläufen, die mit Nebelbäuschen gepolstert waren.

Sie schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als das Flugzeug mit einem Ruck aufsetzte und vereinzelte Klatscher zu hören waren. Der Kapitän der Maschine hieß sie in grausigem Englisch auf dem Malaga Airport willkommen.

Lilli löste den Sicherheitsgurt und wischte sich verstohlen die schweißnassen Hände an ihrer Jeans ab. Ihr Sitznachbar stand ächzend auf und schob seinen dicken Bauch zu den anderen Wartenden im Gang. Von dort warf er ihr einen mürrisch verschlafenen Blick zu, dann kräuselte er vielsagend die Lippen und drehte den Kopf zur Seite.

Schwindel überfiel Lilli beim Aufstehen und sie musste sich schnell wieder setzen. Mit Widerwillen registrierte sie die Schlange, die sich im Gang bildete. Immer das Gleiche, dachte sie und blieb sitzen. Gelangweilt schaute sie dem Geschehen draußen auf der Rollbahn zu.

Endlich ging es im Gang vorwärts. Lilli stand auf. Im Gänsemarsch verließ sie hinter den anderen das Flugzeug und lief zur Gepäckausgabe. Nachdem sie ihre beiden Taschen vom Fließband gezerrt hatte, trottete sie Richtung Ausgang.

 

Der Junge, der Lilli mit kaltem Blick hinter einer dunklen Sonnenbrille beobachtete, ging im Getümmel des Flughafens unter. Er saß in einer Reihe von Drahtstühlen am Rand der Flughafenhalle und hielt eine Zeitschrift in den Händen. Unter seiner Baseballmütze sickerte hellblondes, fast weißes Haar hervor, das sich seidig auf seine Schultern ergoss.

Er klappte die Zeitschrift zu, rollte sie zusammen, als wolle er daraus ein Fernrohr bauen, und stand auf. Für die Dauer eines Herzschlags schaute er sich in der Halle um. Dann klopfte er sich mit der Zeitschrift zufrieden auf den Oberschenkel und lief zum Ausgang.

 

2. Thalassa 3

 

»Schau zu, Alex Valden, dass du es überlebst.«

Er begriff erst jetzt, Stunden später: Das waren Abschiedsworte gewesen. Sein Mentor hatte sich tatsächlich von ihm verabschiedet. Glaubte Seraphim etwa, er würde es nicht schaffen?

Alex schluckte, seine Kehle war trocken und fühlte sich sandig an. Seit über einer Stunde wälzte er sich nun in seinem Bett hin und her und war inzwischen vor lauter Grübeln so aufgewühlt wie sein Bettlaken.

Missmutig warf er einen Blick auf die Uhr. Es war sieben Minuten nach zwei Uhr morgens. Nur noch wenige Stunden …

Es war ihm, als würden Bruchteile des Gesprächs mit Seraphim Gestalt annehmen und sich in seinem Zimmer wie ungebetene Gäste einnisten.

Du bist heute Nacht auf dich gestellt, dir wird niemand helfen … Du hast alles gelernt, wende dein Wissen an, deine Intuition.

Gewöhnliche Worte, doch sie waren wie Säure, die langsam ein Loch in sein Herz fraß. Mit einer fahrigen Geste strich sich Alex die zerzausten Haare aus der Stirn und starrte durch die Saphirglaskuppel ins dunkle Meer.

Gleich einem riesigen Bullauge, in die vordere Wand seines Zimmers eingelassen, war die Kuppel sein Fenster zum Meer. Dahinter schien alles ruhig, nur ab und zu glitt ein Schatten vorbei, ein einsamer Raubfisch auf Beutesuche. Es war ein alltäglicher Anblick, der plötzlich bedrohlich und fremd wirkte. Verflixt! Klar sah er zu, dass er die Nacht überlebte, er war schließlich nicht scharf darauf, zu sterben.

Das meiste von dem, was Seraphim ihm über die bevorstehende Nacht gesagt hatte, war aber auch wirklich gegen jegliche Vernunft. Eigentlich undenkbar. Vielleicht waren es nur Bilder, Metaphern, die er benutzt hatte. Oder er hatte ganz einfach übertrieben.

Alex seufzte. Er kannte die Antwort: Seraphim übertrieb nie, sonderlich poetisch war er auch nicht und unvernünftig schon gar nicht.

Ein Bild verdrängte die Worte seines Mentors. Er sah sich selbst an dem Tag, an dem alles begonnen hatte. Aus heutiger Sicht war es geradezu lächerlich, doch was war nicht lächerlich, wenn man kurz vor seiner ganz persönlichen Hölle stand? Vielleicht sogar vor dem Tod?

Erst sechs Monate war es her, dass sich sein ruhiges Leben mit einem Schlag verändert hatte und seine Heimat auf Thalassa 3, dem Unterwasserinternat 15 Kilometer vor der Küste der andalusischen Ortschaft La Perla, zum aufregendsten Ort der Welt geworden war.

Eben noch einer unter knapp hundert gewöhnlichen Menschenamphibien, war er von einer Minute zur nächsten … wie hatte es Seraphim damals ausgedrückt? »Auserwählt.« Alex verzog das Gesicht, als er sich erinnerte.

Seine überschaubare Welt 200 Meter tief im Meer war aus den Fugen geraten. Er sah den Moment noch vor sich, als wäre jener Spätnachmittag erst gestern gewesen.

Alex hatte sich mit seinem Freund Marc verabredet und wollte wie jeden Tag nach der letzten Stunde den Unterrichtsraum verlassen und auf sein Zimmer gehen, um den Schwimmanzug anzuziehen.

Seraphim nahm ihn zur Seite und wartete, bis der Korridor leer war. Dann sagte er leise, aber klar und deutlich: »Du bist auserwählt.«

Erst dachte Alex, es ginge um eine Aufgabe für den Unterricht. Wie merkwürdig, warum tat sein Mentor so geheimnisvoll, war sein nächster Gedanke und für einen Moment fühlte er sich unbehaglich.

»Die Metamorphose.« Seraphims Stimme wurde noch leiser und Alex hatte diesmal Mühe, ihn zu verstehen. »Deine Verwandlung.«

Ach, darum ging es. Er atmete auf. Seraphim machte sich Sorgen um seine bevorstehende Verwandlung. Doch warum? Und wieso drückte er sich so … geschwollen aus? Auserwählt. Quatsch. Es war nichts Ungewöhnliches daran, also völlig unnötig, sich darüber aufzuregen. Alle machten diese Verwandlung durch. Manche früher, manche später. So war es nun einmal bei den Menschenamphibien, die unter Wasser lebten. Klar, bei den Landamphibien lief das anders, aber was kümmerte es ihn? Er, Alex, war ein Wasseramphibion und somit keine Ausnahme oder gar … auserwählt. Reiner Unsinn! Was war nur los mit Seraphim?

Zugegeben, er war verhältnismäßig spät dran mit seinen achtzehneinhalb Jahren. Bei den meisten passierte es um die 16. Aber er hatte es nicht besonders eilig, denn die Sache war unangenehm. Wenn es nach ihm ginge, hätte er darauf verzichten können. Kurzum …

»Ja, ich weiß, danke. Die Verwandlung kommt bald.« Was irgendwie gelogen war, denn noch spürte er keine Anzeichen. Alex hatte das verrückte Gefühl, Seraphim trösten zu müssen, und fügte hinzu: »Andere sind auch später dran.«

Sein Freund Marc zum Beispiel. Der wurde bald 18, Marcs Schwester Danya war auch schon 17. Ob Seraphim auch sie verrückt machte? Es nutze nichts, sie konnten es eh nicht beeinflussen. Die Geschichte passierte, wann sie passierte. Er wandte sich zum Gehen.

»Das meine ich nicht. Ich spreche nicht von der normalen Verwandlung.« Seraphim packte ihn am Arm und hielt ihn zurück. Sein Verhalten hatte etwas Beunruhigendes.

Einen Moment standen beide stumm da und warteten. Alex wartete, dass Seraphim sagte, was er nun meinte, und warum er so geheimnisvoll tat.

Und Seraphim wartete offensichtlich auch. Dann gab er auf.

»Kristallkörper.«

Alex verstand nicht. Verlegen schaute er auf seine Füße, peinlicherweise stand er gerade auf der Leitung. Und dann traf ihn die Erkenntnis. Alles, was er jetzt noch über seine Lippen brachte, war ein erbärmliches »Was?«, das er am liebsten wieder hinuntergeschluckt hätte.

Natürlich kannte er die Geschichten über die Auserwählten. Alle Amphibienkinder wuchsen mit ihren Legenden auf. Diese Auserwählten verwandelten sich nicht nur einmal wie alle anderen Amphibien. Sie machten mehrere Verwandlungen durch und bekamen mit jeder neuen weitere unglaubliche Kräfte, bis sie schließlich durch die Diamantverwandlung, die letzte, unsterblich wurden. In den Legenden wohlgemerkt!

Und die erste Verwandlung, durchzuckte es Alex, war zum Kristallkörper. Er schüttelte den Kopf und schaute Seraphim an, als zweifele er plötzlich an dessen Verstand. Wollte er ihn auf den Arm nehmen?

Als Kind, ja, da hatte Alex die Legenden über diese unverwundbaren und mächtigen Auserwählten verschlungen. Er war von ihren Kräften fasziniert gewesen und hatte die Abenteuer, die er gelesen hatte, weiter und weiter gesponnen. In seiner vor Übermut strotzenden Fantasie war er immer der Held gewesen, unbesiegbar, unsterblich, so wie sie. Die Erinnerung ließ ihn schmunzeln. Aber das war doch etwas anderes. Er war längst kein Kind mehr! Sollte er allen Ernstes glauben, Seraphim hielt ihn für einen solchen Auserwählten? Verflixt, was stimmte hier nicht und wie war das noch mal? Finde den Fehler … Er kramte fieberhaft in seinen Erinnerungen. Irgendwie war alles sehr kompliziert und verworren. Wie seine Gedanken, die jetzt durcheinanderpurzelten.

Deutlich erinnerte er sich aber: Die jahrtausendealte Geschichte der Menschenamphibien war eng mit den Legenden über die Auserwählten verwoben. Es sollte ein Buch geben, das von Anbeginn der Zeit existierte: das Amphiblion. Darin sollten alle Heldentaten und geheimen Lehren der Unsterblichen niedergeschrieben sein. Dieses sagenumwobene Buch war in der alten Sprache der Amphibien verfasst. Da diese Sprache aber längst ausgestorben war, gab es nur Übersetzungen. Die wiederum waren auch schon sehr alt.

Puh! So ungefähr musste es sein. Noch etwas …? Alex überlegte angestrengt. Genau, die Übersetzungen enthielten auch die geheimen Lehren der Unsterblichen, doch weil diese Lehren in falsche Hände geraten waren und Schreckliches über ihre Art gekommen war, sprach man bis heute nur hinter vorgehaltener Hand darüber. Alex erschauderte, als er sich an jenes dunkle Kapitel ihrer Geschichte erinnerte.

All dies ging ihm in der kurzen Zeit durch den Kopf, während Seraphim ihn aufmerksam beobachtete. Schweigend legte dieser jetzt eine Hand auf seinen Arm. Im selben Moment ging Alex ein Licht auf und alles schien mit einem Mal klar.

Die Menschen hatten ihre Bibel, den Talmud, den Koran oder die Veden, wie er erst vor Kurzem gelernt hatte. Im Lauf der Jahrhunderte hatten sie daraus immer wieder Geschichten weitergedichtet. So wie die Amphibien aus dem Amphiblion, ihr heiliges Buch. Der Unterschied zu den Menschenbüchern war, dass ihre eigenen Legenden frei von Aberglauben und Religion waren. Es gab keine Götter, die verehrt wurden, dafür aber wimmelte es von Unsterblichen.

Trotzdem, Legenden blieben Legenden und es war lange her, dass er sie gelesen hatte. Alex schüttelte ungläubig den Kopf. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwunden waren. Was hatte Seraphim gerade gesagt: Du bist auserwählt? Das konnte nur ein Witz sein. Auserwählt? Für was eigentlich?

Alex prustete. »Das sind doch nur Geschichten!« Seine Belustigung verschwand schlagartig, als er Seraphims ernstes Gesicht bemerkte. Geduldig ertrug Seraphim seinen Heiterkeitsausbruch.

»Ja, es sind Geschichten. Hinter jeder Geschichte steckt jedoch ein Funken Wahrheit.«

Alex musterte seinen Mentor misstrauisch. Nichts deutete darauf hin, dass er es nicht ernst meinte.

»Wie viel Wahrheit?«, fragte Alex nach einer langen, stillen Minute und seine Stimme zitterte plötzlich.

Seraphims Blick bohrte sich in seine Augen.

Ein Schauer der Erkenntnis durchzuckte ihn unter diesem hellen, klaren Blick. Alex begriff endlich. Verflixt …

Und mit einem Augenaufschlag war alles anders.

»Bist du auch …?« Bestürzt hielt er inne und überlegte fieberhaft, wie er das Unmögliche in Worte fassen sollte.

Doch Seraphim nickte bereits kaum merklich. Seine Frage war beantwortet. Es gab sie also wirklich und er stand gerade einem von ihnen gegenüber. Einem Unsterblichen. Alex ertappte sich dabei, wie er Seraphim ohne jedes Taktgefühl anstarrte. Er wollte etwas finden, den Beweis, dass er all das hier nicht träumte. Ein Zeichen, einen Hinweis, was auch immer.

Er fand nichts. Keine Auffälligkeiten, nichts Ungewöhnliches, einfach nichts. Was hatte er erwartet? Dass sich Seraphim plötzlich verwandelte, oder dass die Lachfältchen um seine Augen verschwanden?

Was er sah, war wie immer. Es war … eben Seraphim. Der Seraphim, der ihn, seit dem Tag, als Alex vor elf Jahren nach Thalassa 3 gekommen war, begleitete. Ein großer, drahtiger junger Mann, an dem alles irgendwie hell war: die schiefergrauen Augen, die Haut, sein kurz geschnittenes Haar, das in hellem Blond schimmerte. Und auch sein Gemüt.

Er war weder muskelbepackt noch überragend attraktiv. Erst sein Charakter machte ihn außergewöhnlich, die ihm eigene Güte und Bescheidenheit. Sobald er einen Raum betrat, füllte er ihn sofort mit seiner Gegenwart aus. Er forderte auf eine stille, aber zwingende Art den Respekt der anderen, und warum das so war, wusste Alex jetzt.

Während er Seraphim stumm musterte, hatte er das Gefühl, in seinen Augen spiegele sich die Weisheit seines ganzen Volks. Er sah in ihm eine uralte Anmut durchscheinen, und zu seiner eigenen Überraschung empfand er Ehrfurcht.

Außergewöhnliche Wesen spürt man eben, schlussfolgerte er, nachdem er ihn ausgiebig betrachtet hatte, und senkte den Blick. Und er, Alex Valden, durchschnittlich und unspektakulär, sollte auch zu diesen außergewöhnlichen Wesen gehören? Völlig unmöglich, dachte er immer noch wie hypnotisiert.

Warum gerade ich?, war der nächste Gedanke. »Und warum …?« Er hörte sich die Worte krächzen, als hätten sie sich in seinem Hals verkeilt.

Seraphim legte einen Arm um seine Schulter und mit einem Mal wurde er ruhig. Es war ein intensiver, ja, magischer Augenblick. Doch der Augenblick verstrich und Alex räusperte sich.

»Diese Auserwählten, ähm …« Er hielt erneut inne, verlegen diesmal, denn die Worte kamen ihm nicht leicht über die Lippen. Über Legenden zu sprechen, die keine Legenden waren, schien ihm irgendwie lächerlich.

Seraphim wartete geduldig, als könne er gut nachvollziehen, was in jemandem vorging, der gerade erfahren hatte, dass er Teil einer Legende werden sollte. Also versuchte Alex es erneut:

»Warum ich, und bin nur ich allein ein Auserwählter? Ich meine, gibt es noch andere? Und warum jetzt? Wer …?« Es waren zu viele Fragen. Zu viel auf einmal. Seraphim sollte ruhig lachen, er würde es sogar verstehen.

Doch sein Mentor lachte nicht.

»Alex, ich weiß, du hast eine Menge Fragen. Geh jetzt, triff dich mit Marc und lass uns morgen darüber sprechen. Ich möchte, dass du gleich nach dem Frühstück zu mir kommst.« Er gab Alex frei. »Schlaf eine Nacht drüber.« Seraphim wandte sich zum Gehen, hielt noch einmal inne und sagte über seine Schulter: »Behalte unser Gespräch für dich.«

Dann war er verschwunden und Alex blieb im leeren Korridor zurück. Woher wusste Seraphim eigentlich, dass er sich mit Marc treffen wollte?

Die Nacht, die damals folgte, war genau wie diese gewesen. Er hatte nicht schlafen können. Wie auch? Etwas Wesentliches aber unterschied die heutige Nacht von der schlaflosen damals. Vor einem halben Jahr waren es nur Fragen gewesen, die ihn wach gehalten hatten. Jetzt aber stand er vor seiner ersten großen Herausforderung.

Und plötzlich waren sie wieder da, die Worte, die ihn nicht schlafen ließen: Kristallmetamorphose bedeutet sterben und wiedergeboren werden.

Sterben und wiedergeboren werden. Pah! Wie sich das anhörte. Alex drehte sich zur anderen Seite und zog die Decke bis unters Kinn. Ein Schauer des Grauens lief ihm über den Rücken und machte den Gedanken an Schlaf völlig zunichte. Er wischte sich über die brennenden Augen. In dieser Nacht würde er sterben – und wiedergeboren werden. Stunden würde es dauern, Schmerzen würde es geben. Große Schmerzen. Es war auch schon vorgekommen, dass nicht alle überlebt hatten.

Verflixt, was für eine Nacht!

Vor einem halben Jahr – jene Nacht war irgendwie vergangen. Alex war zwar müde und angespannt gewesen, aber der Morgen war gekommen, ohne dass er hatte sterben müssen. Er war in Seraphims Arbeitszimmer gewesen und sie hatten Stunden geredet.

Jetzt, da sich Alex daran erinnerte, schien es ihm, als wäre es in einem anderen Leben passiert. Satzfetzen von damals zogen durch seinen Geist: Bald geht es auch für dich los … Du bist nicht allein, es gibt noch vier andere … dein Freund Marc und seine Schwester Danya … Hier ein paar Bücher, auch über die Menschenwelt … Und über die Metamorphosen … Nach der Kristallverwandlung folgt … In einer Woche fangen wir an.

Und dann war er gekommen, der erste Tag der Ausbildung. Es war der aufregendste Tag in seinem bisherigen Leben gewesen.

Als er an die Tür von Seraphims Arbeitszimmer klopfte, war seine Aufregung auf dem Höhepunkt. Sein Mentor öffnete und bat ihn herein.

»Einen Augenblick.« Er ging zu dem großen Schreibtisch im hinteren Teil des Zimmers, wo er den Stapel Papiere ablegte, den er in der Hand hielt.

Mit weichen Knien wartete Alex. Seraphim trat wortlos vom Schreibtisch zurück und wandte sich der hinteren Wand seines Arbeitszimmers zu. Dort berührte er etwas neben einem Bild und ein Teil der Wand, so groß wie eine Tür, schob sich mit leisem Surren beiseite.

Stimmen wurden laut. Danya und Marc, die sich angeregt unterhielten. Seraphim machte eine einladende Handbewegung und Alex betrat zögernd das Zimmer.

Marc und Danya saßen neben dem Eingang. Als sie ihn sahen, verstummten sie wie auf Knopfdruck. Alex setzte sich auf einen der freien Stühle und nickte den beiden zu.

Bis auf die Stühle und eine hüfthohe Skulptur aus roter Koralle, die den Regenbogenmann darstellte, war der lang gezogene Raum leer. Die Wände schimmerten in einem zarten Türkis und eine flauschige, dicke Matte bedeckte den Steinboden. Insgesamt machte der Raum den Eindruck, als würde er nur selten benutzt.

Alex blieb mit seinen Freunden allein. Bevor sie etwas sagen konnten, trat Seraphim erneut ein, gefolgt von einem Mädchen und einem Jungen, die Alex nur vom Sehen her kannte.

»Wir sind jetzt vollzählig«, sagte Seraphim und lächelte in die Runde. »Kennt ihr euch alle?« Als er zögerndes Kopfschütteln erntete, schlug er vor: »Dann wollen wir uns kurz vorstellen. Sagt euren Vornamen, die Klasse und euer Alter. Marc, fang du bitte an.«

Marc räusperte sich und begann: »Ich bin Marcello, gehe in die 12B und bin 18 Jahre.« Marc wurde rot, senkte den Blick und fügte rasch hinzu: »Bald.«

Seraphim nickte lächelnd und schaute Danya mit einer auffordernden Geste an. Danya war weniger verlegen als ihr Bruder. Sie blickte mit ihren funkelnden dunklen Augen in die Runde und sagte mit fester Stimme: »Ich heiße Danya, bin in der 11A und 17 Jahre.«

»Alexander«, sagte Alex und rutschte auf seinem Stuhl hin und her, »ich gehe auch in die 12B und bin achtzehneinhalb.«

Das Mädchen wartete erst gar nicht, dass Seraphim sie aufforderte. Sie sprach leise und hastig, als könne sie nicht schnell genug alles loswerden. »Stella ist mein Name. Ich gehe in die 10B und bin gerade 17 geworden.« Sie ließ rasch den Kopf sinken und schaute auf ihre Hände, die sich kneteten. Ihr Haar fiel wie ein Vorhang aus sandfarbener Seide vor ihr Gesicht.

»Danke«, sagte Seraphim und berührte sie leicht an der Schulter. Stella hob den Kopf. Etwas in seinem Blick musste sie beruhigt haben, denn sie lächelte erleichtert zu ihm hoch und ihre Finger entspannten sich.

Seraphim trat zurück und schaute als Letztes den Jungen an.

»Eigentlich heiße ich Juanito, aber Jimo ist mir lieber. Ich bin auch 17 und gehe in die 11C.« Seine grauen Augen huschten von einem zum anderen.

»Gut«, sagte Seraphim und rieb sich die Hände. »Ich danke euch.« Er schaute alle kurz an, dann fuhr er fort: »Wer ich bin, wisst ihr. Damit wir auch die Frage klären, die euch sicher brennend interessiert, ich bekam den Diamantkörper mit 25.« Er machte eine Pause und alle im Raum hielten den Atem an. »Obwohl man es mir nicht ansieht, bin ich tatsächlich schon 35 Jahre. Nicht gerade uralt, aber das wird noch, ich arbeite daran. Das Tolle ist, mit hundertvier oder zweihundert sehe ich immer noch so wie jetzt aus.«

Sie lachten und die Anspannung der ersten Minuten löste sich.

Seraphim versprach, ihnen gelegentlich mehr über sich zu erzählen, und ging dazu über, erste Einblicke in ihren Unterricht zu geben. Er sprach über die Regeln der Auserwählten, über die Geheimhaltungspflicht, auch innerhalb ihrer Schule – was die wichtigste Regel war. Er erzählte, wie die Ausbildung im nächsten halben Jahr ablaufen würde, beschrieb ihr Training und eine Menge Dinge mehr. In diesen ersten Stunden erfuhren sie so viele fantastische Sachen, dass ihnen der Kopf schwirrte.

Von da an war jeder Tag der Ausbildung, die regelmäßig zweimal in der Woche nach dem normalen Unterricht meistens in jenem Raum, aber gelegentlich auch im offenen Meer stattfand, reich an Unerwartetem. Die Wochen vergingen wie im Flug. In jeder einzelnen Stunde aber war immer die Gewissheit da, Teil eines geheimnisvollen Größeren zu sein, Verbündete zu sein in einer Zeit voller Magie, die die ungewöhnlichste und aufregendste ihres Lebens wurde.

Was Alex am besten an der Ausbildung gefiel und das Fehlen eines Tisches im Raum erklärte: Sie mussten nichts aufschreiben. Es gab keine Unterrichtsblätter, keine Hausaufgaben, kein Mitschreiben. Es war sogar verboten, etwas aufzuschreiben. Sie legten alle den Schwur ab, dass sie die geheimen Lehren mit ihrem Leben verteidigen würden.

Seraphim zwinkerte ihnen zu und ordnete an, Hefte und Stifte wieder einzupacken.

»Dieses Wissen gibt man seit jeher mündlich weiter, es ist das geheime Wissen aus dem Amphiblion, um das sich, wie ihr wisst, zahlreiche Geschichten spinnen«, verriet er ihnen gleich zu Beginn. »Und so wie ich es von meinem Mentor überliefert bekommen habe, so gebe ich es an euch weiter. Vielleicht werdet ihr es eines Tages an andere Auserwählte weitergeben, wer weiß …«

Alex’ Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Ja, es war eine intensive Zeit gewesen und er hatte viel gelernt. Inständiger denn je hoffte er, dass ihm das heute Nacht nützlich sein würde.

Die Uhr tickte und seine Nacht wurde immer kürzer. Bald wird man ihn holen. Man wird ihm den Schwimmanzug überreichen, der mit seiner Haut verschmelzen wird. Er wird zusammen mit den anderen zu den Einrichtungen schwimmen. In tausend Metern Tiefe wird er sich verwandeln.

Unter schweren Lidern starrte Alex ins pechschwarze Meer, als könne er dort erkennen, was ihm bevorstand. Er hatte mit einem Mal das Gefühl, dass alles, was er gelernt hatte, weg war. Ausgelöscht aus seinem Gedächtnis, das plötzlich schwarz und leer war wie das Meer. Jedes noch so kleine Geräusch, jedes flimmernde Schattenfragment ließ ihn zusammenzucken.

So ging das nicht! Er war ein Nervenbündel. Kurz vor dem Kollaps. Er legte sich hin und schloss die Augen. Dann setzte er sich wieder auf, weil er das Liegen nicht ertrug. Und schließlich fielen ihm andere Worte ein, die die dunkle Wasserwelt noch dunkler erscheinen ließen: Nicht alle überlebten.

Pepe, schoss es ihm durch den Sinn.

Für Pepe, einen Jungen aus seiner Klasse, war vor ein paar Tagen die übliche Verwandlung gekommen. Gestern war er dann wieder im Unterricht erschienen. In den Pausen hatten sich alle um ihn geschart und Pepe hatte berichten müssen, wie es gewesen war. Eine Verwandlung war immer ein Ereignis. Pepe hatte das Ganze zwar heruntergespielt, aber die Erschöpfung war ihm deutlich anzusehen gewesen.

Alex beneidete Pepe trotzdem. Es war ja auch noch nie passiert, dass jemand die normale Verwandlung nicht überlebt hat. Sein Klassenkamerad konnte einfach so sein, wie hundert andere auch, und sich auf zusätzliche Fähigkeiten freuen. Pepe konnte an Land gehen, durchzuckte es Alex. Darauf hätte er sich selbst garantiert gefreut. Als Einziger, vermutlich, denn dass einer an Land wollte, war so gut wie unbekannt. Allein der Gedanke an die Zusammensetzung der Luft oben reichte, um einen Hustenanfall zu bekommen.

Nur eine Sache brachte sie dazu, aufzutauchen und die Schmerzen der ersten Minuten oben zu ertragen: Amphipolo, das Lieblingsspiel der Wasseramphibien.

Alex schloss die Augen und träumte einen Augenblick davon, so wie Pepe zu sein, der jetzt sicher zum nächsten Amphipolo-Turnier gehen würde und ein normales Leben hätte.

Wie lächerlich noch vor einem halben Jahr die Angst vor der normalen Metamorphose gewesen war! Nie hätte Alex gedacht, dass es noch viel schlimmere Verwandlungen gab. Wie die Kristallverwandlung, die ihm in dieser Nacht bevorstand. Er schüttelte sich.

Wie für Pepe würde auch für ihn ein neuer Lebensabschnitt beginnen, grübelte Alex. Und das hieß, erwachsen werden. Die Schule bald verlassen, Abschied nehmen vom Gewohnten, von Freunden.

Die meisten, die auf Thalassa 3 fertig wurden, kehrten zunächst zu ihren Familien zurück. Einige gingen auf höhere Schulen. Die beliebtesten waren die Sportschulen. Doch für Alex war es die Schule, in der man zum Boten ausgebildet wurde und danach ein Leben zwischen hier und oben führte.

Oben. Ja, das war etwas, worauf er sich freute, im Gegensatz zu den anderen. An Land gehen zu können, in die Welt der Menschen – schlechte Luft hin oder her. Für die, die noch vor der Verwandlung standen, wäre die Luft oben tödlich, sie würden qualvoll ersticken, gingen sie an Land.

Sein Blick fiel unwillkürlich auf die gerahmte Fotografie seiner Mutter, die auf dem kleinen Schreibtisch stand. Sie hätte es nicht gut gefunden, dass Alex mit dem Gedanken spielte, nach oben zu gehen. Menschen waren ihr nie geheuer gewesen.

Auf dem Bild lächelte sie. Um ihre blaugrauen Augen mit den langen dunklen Wimpern, die sie an Alex vererbt hatte, zeigten sich feine Lachfältchen. Das braune Haar sah genau wie seines aus, nur war es doppelt so lang. Es umspielte ihr Gesicht in sanften Wellen.

Vom Bett aus konnte Alex aufs Bild blicken. Er hatte immer das Gefühl, seine Mutter schaue von dort direkt in seine Seele – ein tröstlicher Blick, verständnisvoll und warm, wie nur sie ihn gehabt hatte. Das Einzige von ihr, an das er sich so lebhaft erinnerte, als hätte er sie erst vor Kurzem gesehen und nicht zuletzt vor zehn Jahren. Marc behauptete, dass er ihr immer ähnlicher sehe, mit dem Unterschied, dass sie hübscher gewesen sei.

Alex war froh, dass nicht viel an seinem Äußeren an den toten Vater erinnerte. Er war auch froh, dass er sich in letzter Zeit seltener an ihn erinnerte und sein Hass nicht mehr so brannte.

Vielleicht wird dieses Gefühl eines Tages ganz verschwinden, dachte er, vielleicht wird er ihm sogar verzeihen, dass er sie getötet hatte. Er rutschte zur Bettkante und schaute seiner Mutter auf dem Bild in die Augen. Nein, es war unmöglich!

»Drück mir die Daumen«, sagte er leise und ein zaghaftes Lächeln umspielte seine Lippen. Doch es währte nicht lange.

Die vollkommene Stille dieser Nacht ließ ihn unwillkürlich erzittern. Er warf einen Blick zur Saphirglaskuppel. Alles war ruhig dort draußen. Selbst die nächtlichen Jäger waren verschwunden. Nur eine farbig phosphoreszierende Qualle trieb sacht dahin. Sie sah wie eine riesige pulsierende Glühbirne aus und erst nach Ewigkeiten wurde sie von der Dunkelheit verschluckt.

Die Minuten schienen so zäh, als hätte sich die Zeit wie eine Decke über die Dinge gelegt. Alex ließ sich auf den Rücken fallen und schloss die Augen. Allmählich beruhigte er sich, konzentrierte sich aufs Atmen, auf seine Lungen und Kiemen, die feinen Membranen in den Nasenhöhlen.

Die Wasseramphibien hatten in jedem Nasenloch zwei Kanäle. Durch den einen atmeten sie Luft, durch den anderen Wasser ein und aus. Sie gingen ganz automatisch von einer Atmung zur anderen über und mussten nicht nachdenken, um durch die Kiemen zu atmen, wenn sie ins Wasser gingen. Doch während der Kristallverwandlung war es wichtig, dass er sich der Atmung bewusst wurde, wollte er nicht riskieren, unter den Schmerzen plötzlich durch den falschen Kanal zu atmen und zu ertrinken.

Die Kristallmetamorphose war aber nicht nur körperlich eine Herausforderung. Alex erinnerte sich, dass sie darüber nur sehr kurz gesprochen hatten, viel zu kurz, wie er jetzt plötzlich fand.

Seraphim hatte erwähnt, dass die Verwandlung den wahren Charakter einer Person an die Oberfläche brachte. All das, was tief in einem schlummerte, wurde verstärkt und sichtbar. Das Gute wie das Böse. Das war immer das Risiko der ersten Verwandlung. Es war eine Prüfung für alle. Auch für Seraphim einst, als sich sein Bruder durch die Kristallverwandlung für immer dem Bösen verschrieben hatte.

Vielleicht würde mit ihm das Gleiche passieren, durchzuckte es Alex. Dann lieber sterben, war gleich der nächste Gedanke. Seraphims Bruder war nach seiner Kristallverwandlung zum Mörder, zum Gejagten geworden. Sie hatten ihn gefasst, einsperrt. Irgendwann war es ihm gelungen, zu fliehen und unterzutauchen. Jahre später jedoch weitere Morde. Die Besten der Besten waren seither auf ihn angesetzt. Bestimmt bald auch sie, die neuen Auserwählten.

Ein Klopfen an der Tür riss Alex aus seinen Gedanken. War es schon so weit? Sein Herz hämmerte wild gegen den Brustkorb. Als er die Tür einen Spalt weit öffnete, leuchtete ihm das Weiß zweier aufgerissener Augen aus dem dunklen Flur entgegen. Alex atmete auf. Es war Marc.

»Ich kann nicht schlafen«, flüsterte er und schob sich ins Zimmer.

Alex schloss leise die Tür. Noch hatte er eine kleine Gnadenfrist.

Marc stand eine Weile stumm da, ließ sich dann aufs Bett fallen. »Ich habe in vier Wochen Geburtstag und noch keinen eingeladen«, sagte er und atmete geräuschvoll aus.

»Du hättest es tun sollen. Immerhin wirst du 18. Die Menschen geben viel auf den 18. Geburtstag.«

Marcs Mutter war von oben, nur sein Vater war ein Amphibion. Doch er überhörte die Anspielung auf seine Mischeltern und seufzte.

»Und wenn ich nicht wiederkomme? Ich meine, lebendig?«

Alex setzte sich neben seinen Freund aufs Bett und klopfte ihm auf die Schulter.

»Wir alle werden in vier Wochen eine Riesenparty feiern.« Alex lachte leise in sich hinein. »Ein Geschenk habe ich schon für dich.«

Marc schwieg und schaute finster drein, als hätte er erneut Alex’ Worte überhört. Sein rundes, gutmütiges Gesicht wirkte schmal und in seinen großen braunen Augen fehlte der übliche Jungenschalk.

»Ich mach mir Sorgen um Danya«, sagte Marc nach einer Weile.

»Das Ganze ist ihr in letzter Zeit nicht so leichtgefallen, wie sie den Anschein erwecken wollte.«

»Ja, meine Schwester markiert die Starke, aber ich habe sie auch schon mal heulend erwischt.«

»Sie wird es schaffen, Marc.«

»Das weiß ich doch. Deswegen mache ich mir keine Sorgen.«

Als Marc nicht weitersprach, fragte Alex: »Was ist es dann?« Er ahnte die Antwort.

»Tja, wie soll ich es sagen? Es ist nur so ein Gefühl, aber ich habe Angst, dass ihr Charakter … ähm … Seraphim erwähnte mal …« Marc verstummte und zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich habe Angst, dass sie wie Seraphims Bruder wird.« Marcs Worte hallten im Zimmer nach.

Erstaunlich, dachte Alex. Obwohl ihr Mentor diese Geschichte nur ganz kurz erwähnt hatte, war sie ihnen doch sehr lebhaft in Erinnerung geblieben. Und hatte offensichtlich nicht nur ihn beschäftigt.

»Ich kenne Danya nicht so gut wie du, aber ich bin mir sicher, du siehst Gespenster.«

»Ich weiß nicht, ich habe viel darüber nachgedacht.« Marc fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Dann sagte er gedankenverloren: »Sie ist jähzornig. Wenn sie nicht ihren Willen bekommt, kann sie gemein werden.« Er stand auf und begann, durchs Zimmer zu laufen. »Erinnerst du dich noch, dass sie dich haben wollte? Als du ihr klargemacht hattest, dass sie für dich lediglich eine gute Freundin ist, weil du damals nur Augen für dieses andere Mädchen hattest, hat sie versucht, dich zu verletzen. Sie war wie verrückt.«

»Ja, ich weiß, sie war schon immer … temperamentvoll. Aber die Geschichte ist ein Jahr alt.« Alex richtete sich auf. »In den letzten sechs gemeinsamen Monaten ist sie eine gute Freundin gewesen. Für uns alle. Sie gehört zum Team.«

Marc sah ihn dankbar an. »Vielleicht hast du recht und ich sehe wirklich Gespenster.«

»Versuch, nicht mehr an böse Dinge zu denken.« Vor wenigen Minuten hatte er selbst noch daran gedacht.

Alex legte sich bäuchlings aufs Bett und umschlang sein Kissen. Einladend klopfte er mit der flachen Hand auf die freie Seite.

Marc nickte und legte sich neben Alex. Sie gähnten fast gleichzeitig.

Alex lag noch eine Weile wach. Er lauschte Marcs Atemgeräuschen. Bald wurden diese gleichmäßig und tief. Vielleicht war es die Anwesenheit des Freundes, dass schließlich auch er in den Schlaf glitt.

 

Die Gestalt zog träge an der beleuchteten Südschleuse von Thalassa 3 vorbei. Das helle, seidene Haar blitzte kurz auf, bevor es sich wie ein Trugbild in der Schwärze des Meeres verlor.

 

3. Der Geschmack von Salz

 

Es war fast Mitternacht in Calahonda. Eine Gestalt bog von der Straße ab, die sie mit langen, federnden Schritten entlanggelaufen war. Man hätte sie für einen Jogger halten können, die Kapuze des dunklen Sweatshirts tief in die Stirn gezogen. Wäre da nicht der große ausgebeulte Rucksack gewesen, der kaum zu einem Jogger passen wollte.

Die Ruhe nach der Hauptsaison und die späte Stunde lagen über den Häusern und hüllten die kleine andalusische Küstenortschaft in Stille. Nur ein Radio dudelte eine spanische Ballade irgendwo durch ein offenes Fenster in die Nacht, die schwer vom süßen Duft des Jasmins war. Über allem spannte sich ein mondloser Indigohimmel.

Die Gestalt lief auf die Ruine des Leuchtturms zu und verschwand dahinter. Das schiefe steinerne Gebäude stand einsam auf dem Kiesstrand, der hier gute 100 Meter breit war. Aus den steilen Stufen des alten Leuchtturms, die einen Meter über dem Boden im Gemäuer verschwanden, schälten sich zwei weitere Gestalten. Stumm nickten sie der ersten zu.

»Habt ihr alles?«, flüsterte der Neuankömmling.

»Ja«, kam es wie aus einem Mund zurück.

»Ich auch.« Die Kapuzengestalt schüttelte etwas und es hörte sich wie das Klimpern eines Schlüsselbundes an.

»Pfff«, zischte einer der anderen. »Wohl nicht ganz, Eugene.« Die Stimme klang verärgert.

»Lasst uns gehen«, drängelte Eugene, steckte den Schlüsselbund ein und setzte sich in Bewegung. »Auf zur Schatzsuche.« Eine Böe zog ihm die Kapuze vom Kopf und für einen Augenblick wehte sein lockiges Haar wild im Wind. Die anderen folgten ihm.

Sie ließen die schiefe Leuchtturmruine – das Wahrzeichen von Calahonda – hinter sich und bogen in eine schmale Gasse ein. Der Geruch der Nacht veränderte sich mit einem Mal. Der kühle Wind trug die salzigen Ausdünstungen angespülter Algen und Muscheln vom Meer heran.

Niemand begegnete ihnen. Die Sommerferien waren vorbei und das Städtchen an der Costa Granada lag wie ausgestorben da. Die Rollläden der Ferienhäuser und vieler Blockwohnungen waren heruntergelassen, die Touristen hatten den Ort sich selbst überlassen.

Auf dem Meer zuckte ein Blitz und sein gleißendes Licht erfasste die drei wie bei einem Schnappschuss. Einen Augenaufschlag später herrschte wieder tiefes Nachtblau. Dumpf rollte der Donner vom Meer heran, legte sich bebend über die Landschaft und zog sich wieder hinter dem Horizont zurück.

Die drei erreichten das Ende der Gasse und ihre Schritte auf dem Kies des Strands wurden laut, als knirsche die Nacht mit den Zähnen. Im selben Augenblick setzte die Kirchturmuhr zum ersten Schlag an. Als der zwölfte Schlag in der Nacht verhallt war, hatten sie ihr Ziel erreicht.

Es war ein Chiringuito, eine für diese Bucht typische Tapasbar. Das Gebäude lag am Fuß des hohen kegelförmigen Felsblocks, der wie der Spielstein eines Riesen aussah, vergessen mitten in der Landschaft. Auf der Straße schwang eine Laterne rhythmisch im Wind, quietschend pendelte ihr Licht hin und her, die einzige Wächterin der Nacht weit und breit. Die Risse und Löcher im Asphalt wirkten lebendig, Schatten krochen daraus empor und verschwanden wieder wie seltsame Tiere.

Die drei verließen die Straße und betraten den Steg aus Holzplatten, der wie ein Kranz um das Gebäude lag. Palmen und hohe Sträucher säumten das Anwesen zur Straße hin – ein beruhigender Schutz, obwohl sich keine Menschenseele weit und breit blicken ließ. Sie liefen um die Tapasbar herum und erreichten den Eingang, der zum Meer hin lag. Über die gesamte Länge der Mauer schimmerte dort der Name der Bar in verschnörkelten, goldenen Lettern: Mesón del Mar.

Am Rollgitter an der Eingangstür hielten sie inne und sahen sich um. Sie lauschten in die Nacht. Das entfernte Gekläffe eines Hundes drang herüber, sonst hörten sie nichts. So bückte sich Eugene und schloss das schwere Hängeschloss auf. Es landete klirrend auf dem Boden. Er packte das Gitter, bewegte es aber nur wenige Zentimeter, dann blieb es knirschend stecken.

»Hilf mir, Chris.« Eugene stöhnte und ließ vom Gitter ab.

Chris nickte, brummte etwas wie »müsste man mal ölen« und bückte sich. Zusammen schoben sie mit Kraftaufwand, Eugene von rechts, Chris von links, das Gitter bis zum Türschloss hoch.

»Toni, du bist dran.«

Der Dritte, der unruhig von einem Fuß auf den anderen trat, griff hastig in seine Jackentasche und schob die beiden anderen zur Seite, um ans Türschloss zu kommen. Er fummelte daran herum und Sekunden später klickte es.

»Irgendwann musst du mir verraten, wie du das machst.«

»Hättest du auch den Schlüssel von der Eingangstür besorgt, müsste ich es nicht machen«, zischte Toni und ließ vom Schloss ab. Er drehte am Türknauf und stieß die Tür auf.

»Schon gut, ich sag ja nichts. Mir wäre es auch wohler, ich hätte alle Schlüssel gefunden.« Eugenes Stimme klang besänftigend.

Sie schlüpften gebückt der Reihe nach unter dem Gitter hindurch. Chris schloss als Letzter die Tür hinter sich.

»Kommt, hier entlang. Macht noch kein Licht. Ich weiß nicht, wie dicht die Jalousien sind«, flüsterte Eugene.

Drinnen war es stockdunkel. Dunkler als auf den Straßen, wo die Nacht ihr eigenes schwaches Leuchten hatte. Wie Blinde, mit vor sich ausgestreckten, die Luft abtastenden Händen, durchquerten sie den Raum. Eine Diele knarrte. Dem Scharren von Füßen folgte ein dumpfer Stoß, gleich darauf knurrte die Finsternis ein »Autsch«.

»Alles klar?« Eugenes Stimme kam von weiter hinten.

»Hab mir bloß das Schienbein gebrochen«, die feixende Antwort. Chris kicherte.

»Wir müssen diesen Tisch beiseiteschieben«, flüsterte Eugene und trommelte leise auf Holz. »Packt an, der ist ziemlich schwer. Und aufpassen, da steht eine Menge Geschirr drauf. Aus Porzellan.«

»Natürlich aus Porzellan«, sagte Chris trocken.

Stille entstand, dann flüsterte Eugene ungeduldig: »Auf drei, ja? Eins, zwei, drei.« Zwei Sekunden später erklang ein lautes Poltern.

»Was macht ihr da, Herrgott noch mal, seid vorsichtig!«, fauchte Eugene.

Toni hüstelte und es hörte sich wie ein unterdrücktes Lachen an. »Vielleicht sollten wir uns einigen, in welche Richtung wir den Tisch schieben. Wenn ihn jeder woanders hinzieht, wird das nichts, oder?« Tonis Stimme troff vor Sarkasmus.

»Nach links«, entschied Eugene.

»Von dir oder von mir aus gesehen?«, fragte Chris seelenruhig.

Eugene sagte frostig: »Richtung Tür, wenn’s recht ist.«

»Okay, los, noch mal. Verdammt schwer das Ding.«

»Warte ab, das Regal ist noch schwerer!«

»Na toll.«

»Eins, zwei, drei«, befahl Eugene kurzerhand. Ein Rücken und Scharren, gefolgt von einem dreistimmigen Stöhnen, war zu hören.

»Gut, das dürfte reichen. Jetzt das Regal.« Eugenes Stimme klang gedämpft, als hätte er sich von den anderen abgewandt.

»Versuchen wir’s, vielleicht klappt’s, ohne alles auszuräumen. Zu dumm, dass die Falltür so zugestellt ist.«

Schlurfende Schritte folgten der Stimme.

»Was ist im Regal?«, fragte Toni in einem Tonfall, als kenne er bereits die Antwort.

»Eine Menge Geschirr?«, versuchte es Chris gedehnt.

»Aus Porzellan?« Tonis Stimme klang erwartungsvoll.

Stille. »Wieder auf drei«, sagte Eugene schließlich, den kleinen Wortwechsel übergehend.

Das Rücken und Schieben ging von vorn los und brach dann abrupt ab. Eugene knipste brummend seine Taschenlampe an, bückte sich und suchte etwas auf dem Boden. Dann nickte er zufrieden.

»Ich brauche das Stemmeisen.«

»Hier.« Chris reichte ihm eine verrostete Stange, die er mit einem Griff nach hinten aus seinem Rucksack zog.

Eugene schob sie mit dem flachen Ende in eine Ritze im Dielenboden. Anschließend legte er sein ganzes Gewicht darauf. Mit einem nervenzerreißenden Quietschen hob sich eine zwei Meter große Falltür aus dem Boden.

»Mierda. Das Ding ist das reinste Mammut!«, flüsterte Toni, der mit angepackt hatte und atmete geräuschvoll aus.

»Koloss«, verbesserte Chris.

»Was?«

»Koloss. Mammut ist ein Urzeittier.«

»Und Koloss?«

»Ähm …«

»Bitte nicht jetzt. Gehen wir hinunter«, drängelte Eugene. »Streitet euch später über kolossale Mammuts.«

Der kühle Luftzug, der aus dem Boden stieg, trug den abgestandenen Geruch von Staub und alten Sachen herauf. Eugene war mit seiner Taschenlampe bereits im Loch verschwunden, Chris und Toni folgten. Gemeinsam zogen sie die schwere Falltür über die Öffnung zurück. Dann sahen sie sich im Schein der Taschenlampe um.

Die schmale Holztreppe, auf der sie standen, führte in einen geräumigen Keller hinunter. Eugene, der zuerst unten war, fand den Schalter fürs Kellerlicht, schaltete es ein und knipste gleichzeitig seine Taschenlampe aus.

Die verstaubte nackte Glühbirne warf ein fleckiges Licht an die Decke und verwandelte den Keller in eine düstere Kammer. Unter der Treppe und im hinteren Teil des Raums, dort, wo der Schein nicht hinreichte, ballten sich dichte Schatten.

Eugene stieß einen Pfiff aus und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Er streifte seine Kapuze ab und die anderen taten es ihm nach. Sie trugen alle ähnliche Kleidung – Jogginghosen, Turnschuhe, dunkle Kapuzensweatshirts – und doch hätten sie kaum unterschiedlicher sein können.

Der Älteste unter den dreien war Eugene. Er ging auf die einundzwanzig zu. Seine gelockten Haare verliehen ihm etwas von einem kleinen Jungen, denn sie sahen aus, als könne man sie nie in Ordnung bringen. Dichte Wimpern säumten die mandelförmigen, hellbraunen Augen, darin leuchteten Sprenkel von Grün wie Smaragdsplitter. Seine Blicke wanderten im Raum umher, während er sich eine Locke aus der Stirn strich. Um seine Lippen lag ein melancholischer Zug.

Chris überragte die beiden anderen um eine gute Handbreite. Die Stoppeln seines Dreitagebarts betonten vorteilhaft seine Kinnpartie. Die Sonnenbräune gab seinen Zügen etwas Markantes. Seine Augen, ja, alles an ihm erschien im Schein der Kellerlampe wie dunkles Kupfer. Er fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe und einen Augenblick später hüpfte sein Adamsapfel auf und ab, als hätte er gerade eine Bemerkung heruntergeschluckt, die ihm auf den Lippen lag.

Der Junge mit den stoppeligen Haaren, die in öligem Schwarz schimmerten, war mit siebzehn der Jüngste. Toni war kräftig und gut durchtrainiert. Das Auffälligste an ihm waren seine großen dunklen Augen, die misstrauisch den Raum musterten. Er glättete die Stirn und rümpfte zum Ausgleich schnaubend die Nase.

Die drei schauten sich an und nickten. Die Verheißung, einem Geheimnis auf der Spur zu sein, elektrisierte sie und ließ ihre Augen funkeln.

»Bis hierher hätten wir es geschafft«, sagte Chris und schob sich an Eugene vorbei in die Mitte des Kellers. Er sah sich um.

Gegenstände lagen verstreut auf dem Boden oder waren in Holzregale entlang der Steinmauern ohne jegliche Ordnung eingeräumt. Kistenstapel unterschiedlicher Höhe füllten die Lücken zwischen den Regalen, und an einem dicken Metallhaken, der wie Ahabs Klaue aus der Kellerwand ragte, hingen alte Seemannssäcke und dicke, schmutzige Seile. Der Staub der Jahrzehnte machte den Keller stickig.

»Mein Onkel war seit Jahren nicht mehr hier unten. Seid vorsichtig, weiß der Teufel, was alles herumliegt!« Eugene drehte sich um die eigene Achse und ging auf einen Stapel Kisten zu.

»Fallen zum Beispiel.« Mit spitzen Fingern hob Chris eine verstaubte Mausefalle hoch. Sein Gesicht glühte in fiebriger Spannung, als könnte in jeder Kiste ein Schatz warten oder eine Gefahr lauern.

Toni pfiff durch die Zähne, streifte seinen Rucksack ab und mit einem Knall landete er auf dem Boden. Alle zuckten zusammen. »Wer hat hier Angst?«, flüsterte er belustigt, konnte seine eigene Anspannung aber nicht ganz überspielen.

»Also los, fangen wir an, bevor die Geister wach werden«, sagte Eugene und deutete auf mehrere Holzkisten in einer Ecke, die mannshoch übereinandergestapelt standen.

Die drei machten sich daran, die oberste Kiste vom Stapel zu wuchten. Als sie den Deckel anhoben, schlug ihnen ein dumpfer Geruch nach altem Stoff und Moder entgegen. Eugene hielt mit geblähten Backen die Luft an. Er beugte sich über die Kiste, angewidert griff er hinein und hob die alten Kleider hoch. Eilig ließ er den Deckel wieder zufallen und atmete geräuschvoll aus.

»Nichts«, presste er hervor. »Nur mottenzerfressene, schimmlige Klamotten.«

Die anderen Kisten vom Stapel gaben genauso wenig her.

Schwatzend suchten sie noch eine Weile den Raum ab, schauten in Kisten und unter den lose verstreuten Sachen.

Allmählich klang ihre Ausgelassenheit ab, bis sie schließlich nur noch schweigend und lustlos in allem herumstocherten. Enttäuscht gaben sie es schließlich auf und ließen sich auf herumstehende Kisten fallen. Mürrisches Schweigen breitete sich aus.

Chris hatte ein vergilbtes Buch aus einem der Regale gezogen und blätterte mit finsterem Gesicht darin.

»Ganz ehrlich, amigos«, sagte Toni nach einer Weile und klopfte sich den Staub von der Hose, »habt ihr ernsthaft geglaubt, etwas zu finden?«

»Du etwa nicht?« Chris stand auf und stellte das Buch zurück ins Regal, an die Stelle, wo es einen dunklen, staublosen Streifen zurückgelassen hatte.

»Doch, ja«, gab Toni widerwillig zu, »aber hier gibt’s nichts, was nur annähernd wertvoll ist. Nada! Noch nicht mal der Wein. Die älteste Flasche ist fünf Jahre alt.« Nach einer Pause brummte er verlegen: »Ich komme mir gerade echt albern vor. Wir sind doch keine Kinder mehr, die an Märchen mit versteckten Schätzen glauben.«

»Wissen wir überhaupt, wonach wir suchen? Dein Onkel hätte sonst was meinen können.« Chris wandte sich an Eugene, der die ganze Zeit still vor sich hingestarrt hatte. »Wie hat er es noch gleich ausgedrückt? Manche Sachen müssen bis in alle Ewigkeit verborgen bleiben. Denn manches Geheimnis ist machtvoll, und einmal gelüftet, würde es unser Leben für immer verändern oder schlimmer« Er lallte mit rauer Stimme, als mache er jemanden nach, der einen über den Durst getrunken hat.

»Ich weiß, Boccaroni Barry hat schon immer einen Hang zum Theatralischen gehabt«, sagte Eugene und überspielte seine Verlegenheit mit einem schiefen Grinsen. »Warte, nein, er sagte: Manches Wissen ist machtvoll.«

»Tja, genau. Wir haben uns doch nur eingebildet, dass er einen Schatz meinte.«

»Als du ihn gefragt hast, was hier unten sei, hat er doch gesagt, dass manche Sachen verborgen bleiben sollten. Also meinte er schon etwas Bestimmtes oder nicht?«, protestierte Toni.

»Ich bin mir nicht sicher«, erwiderte Eugene, stand auf und zuckte unschlüssig mit den Schultern. Beiläufig fügte er hinzu: »Außerdem war er betrunken.«

Sie schwiegen.

»Vielleicht sollten wir deinen Onkel noch mal fragen, wenn er nüchtern ist«, schlug schließlich Chris vor.

»Die Sache ist die«, nahm Eugene nach einer Weile das Thema wieder auf, »erstens ist mein Onkel nie nüchtern, und zweitens wird er uns nichts verraten. Er macht ein Riesengeheimnis um sich. Das einzig Handfeste, was ich über ihn weiß, ist, dass er Unmengen Alkohol und Boccaronis verdrücken kann. Von seiner Vorliebe für die kleinen Fische hat er seinen Spitznamen. Abgesehen davon würde er uns die Köpfe abreißen, wenn er wüsste, dass wir hier unten herumstöbern. Also, vergiss es.«

Es wurde wieder still im Keller und die drei gaben sich mit finsteren Gesichtern ihrer Enttäuschung hin.

»Wie lange haben wir hier unten Luft? Ich krieg jetzt schon keine mehr«, jammerte Chris irgendwann.

»Ich hatte nicht vor, die Nacht hier zu verbringen!«

»Warum eigentlich nicht? Ein paar Konserven finden wir sicher irgendwo. Und zu trinken wäre oben genug.«

»Nicht nur oben. Seht mal, welch edler Tropfen«, sagte Toni und hielt eine verstaubte Weinflasche hoch. »Vielleicht ist in einer dieser Flaschen eine Flaschenpost verborgen, eine Karte, die zu einem Schatz führt. Oder der Schatz selbst. Ein Diamant oder …«

»Ach, halt doch die Klappe!«, zischte Eugene.

»Wir könnten alle Flaschen öffnen und nachsehen. Natürlich müssten wir die vollen erst leeren«, fuhr Toni unbeeindruckt fort, als hätte er Eugene nicht gehört.

»Und wenn wir den Schatz schon nicht finden«, nahm Chris den Faden auf, »dann könnten wir den Wein und die Thunfischkonserven alle machen. Oder etwas für unsere Bildung tun.« Er schaute sich um, griff in die Kiste neben sich und zog wahllos ein Buch heraus. Mit dem Ärmel wischte er den Staub vom verblassten braunen Ledereinband. Er drehte es suchend hin und her, doch weder auf dem Einband noch auf dem dicken Buchrücken stand ein Titel. Nur eine handtellergroße Figur zierte das Leder des Einbands.

Er fuhr mit den Fingerspitzen über die Einprägung und brummte: »Sieht wie ein Indalo aus, das Symbol des Regenbogengottes, das es hier an einigen Häusern gibt.« Er schlug das Buch auf, las die Titelseite: »Las historias y metamorfosis de los an …« und räusperte sich. »Ähm, was?« Er runzelte die Stirn, als könne er dadurch die verwitterte Schrift auf dem harten, rissigen Papier besser lesen. »Anthro-phi-bios«, las er stockend das letzte Wort. Er starrte noch eine Weile geistesabwesend die Schrift an und blätterte dann ein paar Seiten um. Das Papier sah aus, als würde es gleich zu Staub zerfallen. Vorsichtig schloss er das Buch und legte es weg, in Gedanken schon woanders. »Und wir nennen uns selbstverständlich Der Club der toten Dichter«, sagte er und kratzte sich am Kinn.

»Ihr Amerikaner mit euren Filmen«, spottete Toni. »Der Club der dämlichen Spinner wäre passender«, zischte er gleich darauf, zog die Kapuze seines Sweatshirts über und fletschte die Zähne. »Der in dieser denkwürdigen Nacht ein jahrhundertealtes Geheimnis lüftet, verborgen unter dem Chiringuito eines irischen Trunkenbolds. Der nach Spanien auswanderte, um sein Glück zu finden, und stattdessen nur Boccaronis und Schnaps fand.«

Sie prusteten los.

»Alles, was ihn von seiner hysterischen Frau fernhielt, war wohl recht. Selbst dieses Nest«, brachte Eugene gerade noch hervor, bevor er sich verschluckte und hustete.

»Apropos Frau, wir müssten auch ein paar Mädchen dazuholen.«

»Nee, lieber nicht. Im Film ging das auch schief. Außerdem hast du doch eh kein Mädchen.« Eugene sah Toni provozierend an.

»Ich schon«, schaltete sich Chris ein und erntete einen Rippenstoß von Toni.

»Lass meine Schwester aus dem Spiel, du Weiberheld. Ich schwöre dir, wenn du Maria auch nur einmal böse ansiehst …« Toni beendete den Satz mit einem deutlichen Zeichen.

Chris fasste sich unwillkürlich an die Kehle und krächzte: »Okay, also keine Mädchen. Ihr kennt sowieso keine.«

»Wo du recht hast, hast du recht«, sagte Eugene und seufzte theatralisch. »Meinem Onkel ist es auch nicht gut mit den Frauen ergangen.«

»Und jetzt hat er dich am Hals. Das nenne ich eine unglaubliche Verbesserung seiner trostlosen Situation.«

»Wohin er wohl diesmal flüchtet? Oder stürzt er sich am Ende ins Meer?«

»Bestimmt nicht«, sagte Eugene in gespieltem Ernst. »Ist nicht hochprozentig genug.«

Die drei brachen in Lachen aus.

»Seid leiser«, raunte Eugene und unterdrückte nur mit Mühe einen erneuten Lachanfall. »Wollt ihr, dass uns jemand hört?« Er wischte sich die Tränen aus den Augen.

Toni fiel gerade wieder etwas ein und er wandte sich an Chris: »Wie war das? De los – was?«

»Was? Ach so. Keine Ahnung, lies selbst. Du bist hier das spanische Original.« Chris reichte Toni das ledergebundene Buch. Er nahm es und fuhr mit den Fingern über die eingeprägte Figur auf dem Ledereinband.

»Stimmt, das Symbol sieht wirklich wie ein Indalo aus. Allerdings hat der hier eher einen Fischkopf.« Er schlug es auf. »Merkwürdig. Wie alt das Buch wohl ist?«, sagte er mehr zu sich. »Las historias y metamorfosis de los … anthrophibios. Keine Ahnung.« Mit den Fingerkuppen strich er über das Papier, als wolle er eine Blindenschrift entziffern, und murmelte: »Die Geschichten und Verwandlungen der … wie auch immer.« Toni klappte das Buch zu, legte es neben sich auf die Kiste und stand auf.

»Vielleicht ein Buch über Amphibien. Wer sich dafür interessiert«, sinnierte Chris gelangweilt, gähnte und machte Anstalten, aufzustehen.

Eugene griff nach dem Buch und betrachtete die Figur. Sie sah aus wie ein von einem Kind gemaltes Strichmännchen mit ausgebreiteten Armen und gespreizten Beinen. Ein Bogen spannte sich im Halbkreis von einem Arm zum anderen und der Kopf der Figur sah einem Fischkopf sehr ähnlich. Er öffnete das Buch und blätterte vorsichtig einige Seiten um. Erstaunt pfiff er durch die Zähne.

»Das ist doch tatsächlich Altspanisch.«

Toni verdrehte die Augen und schnalzte mit der Zunge. »Du und dein Sprachfimmel.«

Eugene zuckte mit den Schultern, als hätte er den Spott öfters schon abbekommen. Fasziniert betrachtete er die Seiten des Buchs. »Wenn das Jahreszahlen sind, dann halte ich gerade einen Schatz in Händen.«

Chris und Toni lachten trocken auf.

»Einen Schatz, na klar«, höhnte Toni und beugte sich über das Buch. »2139 A.C.«, las er an der Stelle, wo Eugenes Finger lag. »Das ist keine Jahreszahl. Was soll denn A.C. bedeuten?«

»Vielleicht eine alternative Abkürzung für Ante Christus, vor Christus«, erwiderte Eugene.

»Das ist aber weit hergeholt«, protestierte Toni amüsiert und wandte sich wieder ab.

»Stimmt schon. Das erste Papier ist eher so 2.000 Jahre alt. Außerdem kam das Altspanische erst im 11. Jahrhundert nach Christus auf«, bemerkte Eugene in lehrerhaftem Ton und klappte das Buch wieder zu. »Und genau genommen sollte es Menschenamphibien heißen.« Die anderen sahen ihn verständnislos an. »Na ja, das letzte Wort im Titel. Anthro- kommt bestimmt von ànthropos, was auf Griechisch so viel wie Mensch heißt. Und anthro-phibios sind dann die Menschen …«

»Scht! Still«, unterbrach ihn Chris. »Ich habe etwas gehört.«

Sie erstarrten und lauschten angespannt.

Nach einer Weile, in der sich nichts tat, fragte Eugene ungeduldig: »Was? Außer einem Tropfen dort hinten höre ich nichts.« Er reckte sich und stand auf.

»Genau, das Tropfen.« Chris nickte, als wolle er seine Worte unterstreichen.

»Ja, und?« Eugene schaute ihn belustigt an. Platsch. Das Geräusch war kaum wahrnehmbar. Platsch. Er legte das Buch beiseite, stand langsam auf und lauschte mit hochgezogenen Augenbrauen.

Wie auf Kommando fingen alle drei an zu suchen.

»He, hierher, ich hab was.« Chris stand im hinteren Teil des Kellers und tastete über die Wand dort. »Kann mal jemand hierher leuchten?«

Der Schein der aufflammenden Taschenlampen blendete Chris und er kniff die Augen zu. Auf Kniehöhe erkannten sie eine feucht-schmutzige Spur, die sich von einem abstehenden Mauerstein bis zum Boden zog. Auf der Kante des Steins schwoll in regelmäßigen Abständen ein Wassertropfen an. Zuerst kaum sichtbar, dann immer dicker, bis er schließlich vom eigenen Gewicht überwältigt mit einem schmatzenden Geräusch zu Boden fiel.

Im tanzenden Schein ihrer Taschenlampen sahen sie auch noch etwas anderes: Die hintere Kellerwand war deutlich heller als die anderen Wände, so als wäre sie erst später gebaut worden. Einen halben Meter über dem Boden sah die Mauer über ihre gesamte Länge wie mit Flüssigkeit vollgesaugt aus.

Chris kniete sich vor die Wand. Mit beiden Händen rüttelte er am abstehenden Stein und tastete bis zum Boden die grobe Wand ab. »Das Wasser kommt eindeutig von hier.« Er richtete sich auf und drehte sich zu den anderen.

»Ist doch unwichtig, es ist ein alter Keller, der Feuchtigkeit angesammelt hat«, sagte Eugene. »Was regen wir uns darüber auf? Ich schlage vor, wir gehen.« Er war im Begriff hochzulaufen, als ihn Chris’ Worte zurückhielten:

»Der Keller ist nicht feucht. Er ist trocken und staubig.«

»Na und? Dann ist er eben nur an der Mauer dort feucht.«

»Und wieso ist es Salzwasser?«

Eugene starrte Toni an, der das gerade gesagt hatte.

»Ich bin mit meiner Hand an den Mund gekommen und sie schmeckt salzig …« Tonis Worte klangen beinahe entschuldigend.

Eugene und Chris fuhren mit den Fingern über den Stein und führten sie an ihre Lippen. »Salzig«, sagten sie wie aus einem Mund.

Und danach unterbrach nur das monotone Geräusch der Wassertropfen die Stille.

Schließlich stammelte Toni: »Ist jenseits dieser Mauer etwa …« Er hielt inne und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Hilfe suchend schaute er die beiden an, als fürchtete er, sich lächerlich zu machen, wenn er den Satz zu Ende sprach. Ihre flammenden Blicke zeigten ihm jedoch, dass sie das Gleiche dachten wie er.

Und dann nickten sie. Ein dreiköpfiges Nicken wie ein Schwur.

»Das Meer.«