Leseprobe Band 2

image032Prolog

Die Zeit rast. Wie der Herzschlag der Fremden in meinen Armen. Der Schrei ist verhallt, doch ihre Furcht bleibt. Ich schmecke sie auf meinen Lippen, höre sie in ihrer Brust donnern und dicht unter der samtigen Haut fühle ich sie in ihrem Blut rauschen.

Mit meiner Zunge streife ich über ihren Hals. Bis zum Kinn hinauf. In den Zähnen pocht das Gift, das mich drängt. Es gefällt mir, ihre Angst zu spüren, ihr pulsierendes Leben. Das kaum fühlbare Zittern – die Ahnung des Nachbebens, nachdem die große Erschütterung längst verhallt ist. Mein Herz schlägt bei der Vorstellung schneller, fast so schnell wie ihres.

Ich. Will. Ich sehne mich danach, den Rausch wieder zu kosten. Aus meiner Brust steigt das vertraute Knurren hoch. Es erfüllt mich nicht mehr mit Abscheu und Scham wie früher. Ich habe akzeptiert, was ich bin. Der Jäger aus den Tiefen der Meere. Wie vor Tausenden von Jahren meine Vorfahren suche ich mir heute meine Beute an Land. Die Gesetze meiner Welt haben es längst verboten, aber das ist mir egal. Ich habe nichts mehr zu verlieren.

Besonders dieses Menschenmädchen lockt mich. Sie ist schön, sie erinnert mich an jemanden. Ich spüre ihren Widerstand, obwohl sie sich nicht wehren kann. Es ist ein inneres Aufbäumen, das Auflehnen einer furchtvollen, unschuldigen Seele, die noch kein Sterben erfahren hat. Es ist verführerischer als alles andere. Keine Jagd betört mich so wie der stumme Aufschrei einer gejagten Seele.

Noch schlägt ihr Herz. Noch kann ich sie loslassen und bei ihr bleiben, bis die Lähmung ihren Körper freigibt. Doch der Grat zwischen Bestie und Mensch wird mit jedem Mal schmaler, der Schwebezustand an der Kreuzung zweier Wege immer aufregender. Ein Weg bedeutet leben lassen. Der andere ist tödlich. Und nie weiß ich vorher, wie ich mich entscheiden werde.

Ich sollte die Macht haben. Doch es ist immer nur sie. In ihrem Duft, ihrem Herzschlag liegt jene befehlende Gewalt, die von mir nur Instinkt übrig lässt. Die Stärke der Beute.

Ich lege den Kopf in den Nacken. Es wird Zeit, den anderen Weg zu gehen: Dieses Mädchen hat mein Gesicht gesehen.

An der hauchdünnen Grenze von Haut und Blut – nicht ganz Todesbiss, aber mehr als nur Berührung – halte ich inne. Jemand hat meinen Namen gerufen.

Als ich mich langsam umschaue, blicke ich in die Augen meiner Vergangenheit. Blicke zurück in ein Leben, in dem ich alles dafür getan hätte, diese Augen glücklich zu sehen. Und darin meine eigene Menschlichkeit gespiegelt zu finden.

Ich flüstere ihren Namen.

Teil 1


1. Schneeblut

 

Lilli schrie auf. Sie hatte die Vorhänge beiseite gezogen und starrte in die Landschaft hinaus. Einen Moment lang war sie sicher, dass sie fantasierte. Es schneite?

Okay, ganz ruhig. Du bist garantiert nicht in New York, wo Schnee nichts Verrücktes wäre. Du bist vor einem halben Jahr nach La Perla gezogen. Und La Perla ist ein Provinznest an der Costa Granada. Die aber liegt in Südspanien, Spanien wiederum in Südeuropa und La Perla in Südandalusien. Du bist da, wo es nie schneit! Auch nicht im Februar.

Riesige Schneeflocken wirbelten durch die Luft und brachten sie zum Flirren. Lilli blinzelte den letzten Rest Schlaf weg, wischte ungeduldig eine Haarsträhne aus dem Gesicht und mit ihr das Traumgefühl. Sie lehnte die Stirn an die Balkontür und starrte hinaus. Die Bergkette zwischen Meer und Land war nur eine Silhouette. Palmen, Sträucher und die üppigen Blumenranken an der Hofmauer verschwanden unter einer weißen Flauschdecke. Als hätte eine überdimensionale Schneekanone die Frühlingskulisse bearbeitet, die sich jetzt unter ihrer Verkleidung wie zur Flucht duckte. Das seltsame Licht, das über allem lag, teilte die Landschaft entzwei. Blendendes Weiß unten, als strahle die Erde aus sich heraus. Und darüber der Himmel, der Lilli an hellgrauen Marmor erinnerte. Der einzige Farbfleck war der leere Pool im Hof zur Linken. Mit seinen türkisfarbenen Kacheln leuchtete er wie ein riesiges mystisches Auge.

Als sich das Bild gesetzt hatte, löste sich Lilli von der Scheibe. Ihr warmer Atem hatte dort einen Nebelfleck hinterlassen und kurz schaute sie zu, wie er sich wieder verflüchtigte. Dann flitzte sie ins Bad.

Wie jeden Morgen hatte sie freie Bahn. Ein Luxus, der längst selbstverständlich geworden war, obwohl Lilli manchmal an ihre New Yorker Wohnung zurückdachte, wo der morgendliche Kampf ums Bad meistens zugunsten ihrer Mutter geendet hatte. Nebst eigenem Balkon und Rieseneinbauschrank gehörte ein Bad mit Badewanne zu ihrem Zimmer. Alle Räume des Apartments, das ihre Familie in der Anlage unter dem Leuchtturm bewohnte, hatten diese Annehmlichkeiten und die Morgen waren seitdem zur kampffreien Zone geworden.

Schneller als sonst duschte sie, trocknete sich ab und putzte die Zähne. Dann ging sie fröstelnd zurück ins Zimmer und schlüpfte schnell in ihre Jeans. Die Temperaturen hier waren auch im Winter mild, so hatte Lilli nicht mehr als zwei Sweatshirts in ihrem Schrank. Beide zog sie jetzt übereinander an. Anschließend trug sie eine leichte Creme aufs Gesicht auf. Dabei schaute sie kritisch in den Spiegel über der Kommode. Ihre Bräune war in den letzten Wochen einer Winterblässe gewichen, die ihre Augen in einem dunkleren Grün erscheinen ließ. Es wurde Zeit, dass der Frühling kam, dachte Lilli und verließ ihr Zimmer.

Während sie den S-förmigen Flur zur Wohnküche vorlief, drangen die Stimmen ihres Bruders und ihrer Mutter zu ihr.

Als sie das Wohnzimmer betrat, fand sie beide an der Balkontür stehen und hinausstarren, als würde es Geldscheine vom Himmel regnen. Chris trug einen dicken Wollpullover mit einem Rollkragen, der ihm bis zu den Ohren reichte. Seine schulterlangen Haare und der Kinnbart, den er sich seit zwei Wochen wachsen ließ, betonten zusätzlich den Naturburschen-Look. Er sah wie ein Schäfer aus. Fehlten nur noch Stock und Schafe, dachte Lilli vergnügt. Sie mochte aber diesen männlichen Stil, er stand Chris.

»Neulich, als es kälter geworden war«, sagte ihre Mutter gerade, »habe ich die Kassiererin des Mercado in Calahonda gefragt, ob es im vergangenen Winter geschneit hat. Sie hat mich ausgelacht. Hier hätte es das letzte Mal vor dreißig Jahren geschneit, hat sie gesagt. Ganze drei Stunden wäre der Schnee liegengeblieben.« Lillis Mutter lachte, als sie Chris’ verdutztes Gesicht bemerkte. Sie fuhr sich durch die schulterlangen Locken, die eindeutig einen Kamm vertrugen. »Morgen, Schatz«, wandte sie sich an Lilli. »Was sagst du dazu?« Mit einer Kopfbewegung deutete sie nach draußen.

Lilli musste grinsen. Nicht über die Frage, sondern über ihre Mutter. Sie stand wie eine verirrte Märchengestalt vor der Balkontür, eine Mischung aus Hexe und Fee. Suzanne hatte ihren flauschigen tannengrünen Hausanzug hervorgekramt und ihre Füße steckten in sonnenblumengelben Filzpantoffeln. Das Weinrot ihrer Haare, die leuchtenden grünen Augen, so wie die hohen Wangenknochen und die Sommersprossen verrieten die irischen Wurzeln.

»Cool«, sagte Lilli vergnügt.

Chris kratzte sich am Kinnbart und ein Grinsen blitzte plötzlich über sein Gesicht. »Toni holt mich gleich mit dem Auto ab, wir fahren zu Eugene.« Er betonte das letzte Wort, als müsse er überprüfen, wie Lilli auf diesen Namen reagierte.

»Mhm«, brummte sie. »Würde mich nicht wundern, wenn der noch seinen Winterschlaf hält.«

Chris gluckste. »Ich richte ihm aus, dass du ihn vermisst.«

»Bah! Du kannst es nicht lassen, was?«, fauchte Lilli und bedachte ihren Bruder mit einem stechenden Blick.

»Erst, wenn du es zugibst.« Chris hob mit blasierter Miene eine Augenbraue.

Lilli stöhnte theatralisch auf. Ihr Bruder war der Meinung, sie sei in Eugene verliebt. Seine besserwisserischen Ich-bin-der-große-Bruder-Bemerkungen überhörte sie inzwischen stoisch und machte sich nicht mehr die Mühe, ihm klarzumachen, dass Eugene nur ein guter Freund war. Besser er dachte, sie hätte etwas mit ihm, als dass er dahinterkam, in wen sie wirklich verliebt war.

Als sie das breite Grinsen ihrer Mutter sah, die dem kurzen Wortwechsel offensichtlich gefolgt war, seufzte sie innerlich. Ihre Mutter mochte Eugene und hätte eindeutig nichts dagegen, wenn Lilli in ihm nicht nur einen guten Freund sehen würde.

Ihre Mutter räusperte sich vieldeutig, wandte sich aber wieder Chris zu. »Ich hoffe, Tonis Auto hat gute Reifen, die Straße ist völlig zugeschneit«, sagte sie und deutete nach draußen.

Wenn es nicht gerade schneite, hatten sie von hier einen tollen Blick über die Küstenstraße bis nach Calahonda hinüber, der Ortschaft am anderen Ende der weitläufigen Bucht. Doch heute sah man davon nichts, die Straße verschwand in einer konturlosen weißen Landschaft.

»Das könnte ein Problem werden. Schneeketten kennt man hier vermutlich nicht«, sagte Chris nachdenklich und fischte sein Smartphone aus der Hosentasche. »Keine Nachricht, was bedeutet, dass er wie ausgemacht kommt«, sagte er nach einem Blick aufs Display. Er schob das Handy in die Hosentasche zurück, legte Lilli einen Arm um die Schulter und dehnte ein »Hm?« in die Länge. Chris ließ sie noch nicht vom Haken.

Lilli löste sich aus seinem Klammergriff. »Was soll ich noch mal zugeben?«, fragte sie resigniert. »Und wer ist Eugene gleich?« Sie spielte darauf an, dass sie Eugene seit Silvester nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.

»Schon gut. Ich weiß, dass ihr euch nicht getroffen habt«, brummte Chris.

»Wieso nervst du mich dann noch?«

»Weil es Spaß macht. Aber heute bist du gar nicht rot geworden.«

Lilli funkelte ihn an. War sie auch sonst nie, wenn die Rede auf Eugene kam. Doch sie hielt ihren Mund.

Ihr Bruder hatte sich wieder ihrer Mutter zugewandt. »Keiner hat es geschafft, Eugene aus seiner Höhle zu locken«, erklärte er ihr. »Und weil wir das megaseltsam finden, haben wir beschlossen, ihn heute zu überfallen. Sein Onkel hat am Telefon erwähnt, dass er mit Eugene im Mesón del Mar die fälligen Reparaturen machen muss. In zwei Wochen öffnet die Tapasbar nämlich wieder. Barry klang zwar nicht besonders erfreut, als ich angekündigt habe, dass wir dorthin kommen und Eugene besuchen. Aber das ist uns jetzt auch egal.«

»Habt ihr die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass er euch nicht sehen will?«, fragte Lilli spöttisch.

»Ständig. Aber wenn das so ist, soll er es uns gefälligst ins Gesicht sagen.« Chris schaute jetzt grimmig, als wolle er sich für eine Auseinandersetzung mit Eugene innerlich wappnen.

»Super Plan«, kommentierte Lilli trocken.

In dem Moment betrat ihr Vater die Wohnküche. Er sah verschlafen aus, die vollen grauen Haare fielen ihm verstrubbelt in die Stirn und der Wochenendbart zeichnete Schatten auf seine Wangen. Er hatte lediglich seinen Morgenmantel über den Schlafanzug gestreift und Socken angezogen.

Lilli kam eine Idee. »Wer hat Lust, ein paar andalusische Winterbilder zu machen?« Als sie die fragenden Gesichter sah, fügte sie ungeduldig hinzu: »Ich überlege, fotografieren zu gehen. Kommt jemand mit? Familienfotos im Schnee? Mom, du hast noch nie das Meer bei Schneefall fotografiert.«

Ihre Mutter war Fotografin. Mit den letzten Worten versuchte Lilli, den Profi aus ihr herauszukitzeln. Denn sie sah nicht so aus, als würde sie der Gedanke reizen, jetzt die Wohnung zu verlassen. Hätte Lilli gefragt, ob sie eine Tauchexpedition machen wollte, hätte sie mit Sicherheit ein ähnliches Gesicht gemacht. Ihre Mutter hasste nämlich seit eh und je das Tauchen. Resolut schüttelte sie den Kopf.

»Dad! Hast du Lust, ein paar Bilder draußen zu machen?« Lilli erwartete nicht ernsthaft eine zustimmende Antwort, obwohl sie ihre beste Bettelmiene aufsetzte.

Ihr Vater machte den Eindruck, als könne er in der nächsten Stunde nicht geradeaus gucken. Er antwortete mit einem herzhaften Gähnen, trat hinter die beiden an die Balkontür und legte rechts und links einen Arm um ihre Schultern.

Wollte er dort weiterschlafen?, fragte sich Lilli belustigt.

»Was sagt man dazu?«, brummte er.

Lilli gab nicht auf. »Ich kann auch gerne warten, bis ihr euren Kaffee getrunken habt.« Schließlich war es Wochenende, nur keine Eile.

»Kaffee«, war alles, was ihr Vater über die Lippen brachte. Er löste sich schwerfällig aus der Betrachtung des Schneetreibens und schlurfte Richtung Küche.

Ein letzter Versuch. »Mom, was ist nun? Du bist doch sonst so verrückt nach speziellen Bildern. Wenn das nicht ungewöhnlich ist! Und alles direkt vor der Haustür … Du kannst die neue Kamera auch gleich einsetzen.«

Ihre Mutter hatte sich den letzten Schrei in Sachen Profikameras zugelegt, nachdem sie mehrere Fotografien aus ihrer Ausstellung gut verkauft hatte. Sie hatte es damit begründet, dass sie nur so mit der Konkurrenz mithalten konnte, wenn ihre Bilder auch technisch hochwertig waren. Lange hatte sie sich gegen die Digitaltechnik gewehrt. Sie hing an den »guten alten handgemachten« Bildern, wie sie immer sagte. Außerdem fand sie die ganze neue Technik unverschämt teuer. Nicht, dass die Familie kein Geld gehabt hätte, Geld war nie ein Thema gewesen. Sie waren zwar nicht das, was die New Yorker gemeinhin unter reich verstanden, sie hatten aber genug Geld, um sorgenfrei leben zu können. Ihr Vater hatte einen gutbezahlten Job am Biomedizinischen Institut für Ozeanforschung in New York, der auch diese anderthalb Jahre in Spanien finanzierte. Und ihre Mutter verdiente inzwischen nicht schlecht mit ihren Reportagebildern, die sie als freischaffende Fotografin an diverse Zeitschriften, Magazine und Zeitungen verkaufte. Die Kunstfotos stellte sie in Galerien aus. Ihre Freundin Marge besaß eine kleine Galerie in Brooklyn. Sie war die Erste gewesen, die ihr vor Jahren eine Ausstellung angeboten hatte. Die Fotos hatten Marge beeindruckt. Seitdem organisierte sie in regelmäßigen Abständen thematische Ausstellungen für Suzanne. Marge hatte Lilli beim ersten Besuch in der Galerie ins Herz geschlossen und im Lauf der Jahre wurde sie auch Lillis Freundin.

»Ach, ich weiß nicht. Geh du nur«, brummte ihre Mutter, ohne den Blick von draußen abzuwenden. »Ich muss nicht unbedingt mit. Ich habe keine gescheiten Klamotten für dieses Wetter. Außerdem sieht man die besten Bilder, wenn man allein ist.«

Lilli machte nur »aha« über diese modisch-philosophische Betrachtungsweise und verzog enttäuscht das Gesicht. Ihre Familie schien in einen plötzlichen Winterschlaf versunken zu sein. Die milden Temperaturen des Winters hatten sie offensichtlich verwöhnt und ein Spaziergang im Schnee fühlte sich wie eine Expedition in die Antarktis an. Feiglinge!

»Na gut, dann gehe ich eben allein auf Fotosafari. Wartet nicht mit dem Frühstück.«

Wie zum Protest polterte es in der Küche und ein unverständlicher Fluch folgte. Ihr Vater hatte wieder etwas fallengelassen. Diese Ungeschicktheit war bei ihm neu. Obwohl Lilli es vermied, über seinen Tauchunfall letztes Jahr nachzudenken: In solchen Momenten erinnerte sie sich immer daran. Der Gedanke an Spätfolgen machte ihr Angst. Niemand sprach das allerdings an. Gut, ihr Dad war nie als Koordinationskünstler berühmt geworden, redete sie sich immer wieder ein. Früher allerdings waren ihm Dinge nicht einfach aus der Hand gefallen.

Lilli blieb im Durchgang zur Küche stehen, einen heiteren Kommentar auf den Lippen. Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Ihr Vater hatte die Hände auf die Arbeitsplatte gestützt, sein Kopf hing zwischen den Schultern und er atmete schwer. Einen Moment sah es aus, als wolle er die Küchenmöbel wegschieben, so angespannt waren seine Armmuskeln. Offensichtlich ärgerte er sich über den Topf zu seinen Füßen und die Wasserlache, die sich dort ausbreitete.

Sein Anblick ließ Lilli erzittern. »Dad? Ist alles in Ordnung?«

Er löste sich rasch aus der Stellung und räusperte sich verlegen. Obwohl er sie nicht anschaute, erkannte sie bestürzt, dass seine Augen gerötet waren.

»Alles gut«, murmelte er. »Bin noch ganz verschlafen.« Er bückte sich und hob den Topf auf. »Nicht weiter schlimm. Ist nur Wasser für die Eier gewesen. Du willst doch ein gekochtes Ei?«

»Ich will, dass du dich durchchecken lässt.« Lilli dämpfte ihre Stimme. »Ich weiß, dass es nicht nur die Müdigkeit ist. Der Unfall hat …«

»Schluss damit!«, zischte ihr Vater und schaute sie zornig an.

Lilli versteifte sich. Sie hatte ihn lange nicht mehr wütend erlebt, ihr Vater war hier am Meer die Ruhe in Person geworden. Doch auch er konnte von Zeit zu Zeit explodieren. Sie hob beschwichtigend die Hände.

Sein Blick bohrte sich in ihren und verbot ihr stumm jedes weitere Wort zum Thema. Keiner hatte das Recht, ihn vom Tauchen abzubringen, sagte dieser Blick. Auch kein dämlicher Unfall. Tauchen war seine große Leidenschaft. Als Biomediziner und Ozeanograf hatte ihn ein größeres Projekt an die Küste Südspaniens gelockt. Er erforschte die Auswirkungen der Zivilisation auf das Meeresleben, wie er ihnen einmal erklärt hatte. Spanier waren nicht sehr fortschrittlich, was Umweltschutz anging, und so konnte er hier die Einflüsse des Menschen auf die Lebewesen im Meer untersuchen. Dass die ganze Familie für anderthalb Jahre mitgehen durfte, war einer der Vorteile dieses Projekts. Dass er nach langer Zeit in einem New Yorker Labor jetzt wieder tauchen konnte, war der andere. In der Saison machte er außerdem mit Touristen Tauchausflüge vom Calahonda Diving Club aus. Dort arbeitete er jeden Tag ein paar Stunden. Seine eigenen Tauchexpeditionen waren ihm aber heilig, selbst wenn sie vorrangig seiner Arbeit dienten. Nicht nur einmal hatte er sein großes Vorbild zitiert, wenn es um die Leidenschaft zu forschen ging. Der Pionier auf dem Gebiet der Meeresforschung, Jacques Cousteau, hatte anscheinend gesagt, wer diesen Virus einmal hatte, den Forscherdrang, die Neugierde, der würde sich von äußeren Umständen nie aufhalten lassen. Und er würde nur noch seine Sache ernst nehmen, nicht mehr sich selbst. Anscheinend war ihr Vater darauf aus, das »Sich-selbst-nicht-Ernstnehmen« in letzter Zeit verstärkt zu üben.

Plötzlich trat ein Lächeln in seine Mundwinkel. »Wie gut, dass ich die rohen Eier nicht im Topf hatte«, sagte er vergnügt.

Lilli lächelte zurück, das Lächeln verging ihr aber schnell wieder. Sie warf ihrem Vater einen verärgerten Blick zu. Eigensinnige Person, dachte sie, während sie zurück zu ihrem Zimmer ging.

Chris und ihre Mutter hatten von der kurzen Szene nichts mitbekommen. Gott sei Dank! Ihre Mutter würde Louis sicher an den Haaren ins Krankenhaus schleifen, wenn sie merken würde, dass mit ihm etwas nicht stimmte.

»Willst du nun ein Ei?«, rief ihr Vater ihr nach.

Sie knallte statt einer Antwort die Tür hinter sich zu. Wenn jemand das Recht auf eine Portion Wut hatte, dann sie. Allein sie wusste nämlich, wie wenig es ein Unfall gewesen war. Die Erinnerung brachte ihr Blut zum Kochen, wie jedes Mal, wenn sie an die Geschehnisse des letzten Jahres zurückdachte. Ihr einziger Trost war die Gewissheit, dass es für immer vorbei war. Lilli spürte wieder die bekannte brennende Wut in ihren Adern rauschen. Aber auch Hilflosigkeit. Jedes Mal diese verfluchte Hilflosigkeit! Sie hatte nichts tun können. Es war irrational, aber sie war immer noch auf Rex wütend, obwohl er längst tot war. Wieder wurde ihr heiß vor Zorn, als sie sich an all das erinnerte, was er angerichtet hatte. Das Beben, das er ausgelöst und das sechs Menschen getötet hatte; ihr eigener Unfall, bei dem sie während des Bebens schwer verletzt ins Meer gespült worden war und beinahe ertrunken wäre. Dann war da ihre Tante Emily, deren Ermordung Rex ohne einen Funken Reue zugegeben hatte. Und ihr Dad, den er in einer Unterwasserhöhle zum Sterben zurückgelassen hatte. Allein in ihrer Familie hatte Rex eine Spur von Gewalt und Zerstörung hinterlassen, die sie bis in aller Ewigkeit quälen würde.

Trotz alledem war Lilli aber auch froh, dass sie diese Welt kennengelernt hatte. Die Sache mit der Ewigkeit sah sie inzwischen sowieso anders. Jedenfalls seitdem sie Alex kannte. Der Gedanke an ihn weckte das bekannte Ziehen in ihrem Bauch. Die Welt unter Wasser hatte auch ihre schönen und faszinierenden Seiten. Eine davon war ihr Freund Alex. Tief unten im Meer gab es eine Welt, die so fantastisch war, dass Lilli bis heute nicht aus dem Staunen herauskam. Ganz besonders, wenn sie mit ihrem wunderschönen, gewitterwolkenäugigen Freund zusammen war. Nicht nur sein Äußeres war ein Traum, seine ganze Existenz hatte etwas Traumhaftes an sich. Zumindest für ihren menschlichen Verstand.

Der Mensch hatte die Tiefen der Ozeane kaum durchdrungen und erforscht. Zum Glück, denn er würde dort auf die uralte Art der Wasseramphibien stoßen. Und das wäre eine Katastrophe, schließlich sollte niemand an Land wissen, dass es diese Wesen gab. Wie sie zu diesem Wissen gekommen war? Pures Glück, ein Sechser in der Lotterie der fantastischen Dinge. Lilli hatte sich von einem Wasseramphibion wortwörtlich auf Armen tragen lassen. Dass es nach ihrem Unfall geschehen und sie währenddessen bewusstlos gewesen war, hatte sie immer bedauert. Für alles Darauffolgende fand sie allerdings bis heute keine Ausrede. Denn als sie sich anschließend in ihren Retter verliebte, war sie wohl bei Bewusstsein gewesen. Na ja, irgendwie. Aber Alex war gut zu ihr und so tröstete sie sich über den Gedanken hinweg, wie gefährlich diese Wesen hinter ihrer menschlichen Erscheinung sein konnten.

Wobei ihr ein Puzzleteil noch fehlte, um das Bild zu vervollständigen. Die Wasseramphibien gehörten der Gattung der Menschenamphibien an, und von dieser Gattung gab es noch eine Art, wie sie inzwischen wusste. Die Menschenamphibien, die an Land lebten. Sie hatte bislang kein einziges Landamphibion kennengelernt und war total neugierig, wie diese waren. Alex hatte ihr verraten, dass die Landamphibien im Gegensatz zu den Wasseramphibien Gestaltwandler waren. Etwas, was Lilli sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte. Kiemen in den Nasenlöchern zum Atmen unter Wasser, schön und gut. Das war nichts Abartiges, man sah sie noch nicht einmal. Doch jemand, der sich in ein eidechsenähnliches Wesen verwandelt, dabei enorme Kräfte entwickelt und kaum mehr menschliche Züge hat, da musste sogar ihre Fantasie Überstunden machen.

Lilli betrachtete von der Balkontür aus das Schneetreiben. Nicht der Gedanke an die Kälte da draußen ließ sie frösteln. Es war die Erinnerung an die Ereignisse des vergangenen Jahres, die an diesem winterlichen Morgen zum hundertsten Mal über sie hereinbrach. Die dunkle, böse Seite ihres Geheimnisses. Dinge, die sie tief erschüttert und an ihre Grenzen gebracht hatten. Eine Achterbahn der Gefühle wäre die Untertreibung des Jahres.

Nein, es war keine Zeit, auf die Lilli zurückblickte und sich rundum glücklich fühlte. Sie war hin- und hergerissen gewesen zwischen den glücklichsten Stunden ihres Lebens mit Alex und abgrundtiefer Angst, zwischen intensivem Leben und der Erfahrung des Sterbens. Dass Rex keine Bedrohung mehr war, tröstete sie zwar, aber Alex’ frühere Teamkameradin Danya war noch irgendwo da draußen. Sie hatte sich Rex angeschlossen, hatte sich auf die dunkle Seite geschlagen und war bis zum Schluss seine Verbündete gewesen. Für einen Moment blitzte wieder eine Erinnerung auf: Danyas wildes Gesicht, nachdem die Explosion die Nacht über dem Meer zerrissen hatte und ihr klar geworden war, dass Rex mit der restlichen Mannschaft auf seiner Yacht in Stücke zerfetzt worden war. Danya hatte nur noch eines gewollt: sie töten.

Lilli sah jetzt in der Erinnerung das Feuer, hörte die Detonationen, spürte den Schlag ins Gesicht, den Danya ihr verpasst hatte. Es war, als wäre sie wieder mittendrin. Als würde Danya sie packen, über Bord zerren, einmal beißen und noch einmal. Lilli erzitterte wieder, als der Frost in sie kroch und sie von innen lähmte, während sie tiefer zum Meeresgrund sank. Sie griff sich in den Nacken, ertastete die Kerben von Danyas Zähnen, spürte wieder das Feuer im ganzen Körper und die Kälte, die ihm gefolgt war.

Ob es jemals besser würde und die Zeit das Grauen jener Nacht verblassen ließ?, fragte Lilli sich und schüttelte den Kopf, als könne sie so die Erinnerungen abschütteln. Das seltsame Gefühl, als habe sie all dies nur geträumt, folgte diesen Bildern auch heute wieder. Als hätte sie sich eingebildet, dass sie beinahe gestorben wäre. Dass sie die giftigen Bisse eines Wasseramphibions überlebt, dem Ertrinken entgangen war, erschien ihr immer rätselhafter, je mehr Zeit verstrich. Und doch wusste Lilli mit untrüglicher Sicherheit, dass nichts von dem ihrer Fantasie entsprang. Spätestens, wenn sie ihre Narben im Nacken berührte, wusste sie, wie real alles gewesen war. Und Alex erinnerte sie täglich daran, dass es die Wasseramphibien gab, weil er wirklich war. Wenn sie ihn in der Schule sah, wo er nur eine Armlänge von ihr entfernt saß. Oder während sie in seinen Armen gekuschelt lag. Wenn sie tief in seine Augen blickte, die die Farbe der Gewitterwolken am Himmel hatten, oder mit den Fingern durch seine weichbraunen Haare fuhr, die in seidigen Wellen sein schönes Gesicht umrahmten. Oder seinen Duft nach Salz und frisch geschliffenem Bernstein einatmete. Ja, es gab ihn. Er war der Beweis, dass tief unter dem Meer diese jahrtausendealte Art lebte.

Prompt wuchs Lillis Sehnsucht, als sie sich erinnerte, dass sie Alex heute erst am späten Abend sehen würde. Es war ganz gut, dass sie etwas hatte, was sie ablenkte: Schnee!

Lilli kehrte in die Gegenwart zurück und löste sich von der Balkontür. Alex würde ihr bestimmt etwas aus dem Meer mitbringen. Diese Mitbringsel waren ihr einziger Trost an solchen Tagen wie heute, an denen er für mehrere Stunden dorthin verschwand. Neulich hatte er ihr erzählt, dass er seine beiden Delfinfreunde Black und White wieder getroffen hatte und ein kleines Wettschwimmen mit ihnen gemacht hatte.

Ein Lächeln huschte über Lillis Gesicht. Sie hatte die Delfine letztes Jahr kennengelernt und nahm sich vor, mit Alex wieder hinaus aufs Meer zu fahren, sobald es wärmer werden würde. Vielleicht traf er Black und White heute noch einmal. Denn selbst bei diesem Wetter würde Alex ins Meer gehen. Seine Körpertemperatur passte sich in Sekundenbruchteilen seiner Umgebung an. Nicht, dass er ins Wasser musste, er könnte ohne das Meer leben, hatte er einmal zugegeben. Doch seine Sehnsucht danach trieb ihn regelmäßig unter die Oberfläche. Und wenn er Lilli etwas mitbrachte, wusste sie, dass er auch dort an sie dachte. Wie neulich das faustgroße Gehäuse von einem Seeigel, das er in neunhundert Metern Tiefe gefunden hatte und das, wie eine steinerne Miniaturkuppel, auf ihrer Kommode stand. Oder davor die Muschel, die einem rosa Blütenblatt gleich auf ihrem Schreibtisch lag und wie Perlmutt schimmerte.

Heute konnte sie Alex etwas schenken, dachte sie fröhlich, trat an die Kommode und zog aus der untersten Schublade die Fototasche mit ihrer Kamera hervor. Lilli prüfte, ob der Akku Saft hatte, und legte sie zufrieden aufs Bett. Die Digitalkamera war eine jener dreitausend Dollar teuren Spiegelreflexmodelle, die ihre Mutter benutzte und ihr letztes Jahr geschenkt hatte. Es war eine klasse Kamera. Durch das Metallgehäuse und das Teleobjektiv war sie schwer, kein Vergleich zu den modernen Fliegengewichten. Lilli mochte es aber, dieses Gewicht zu spüren. Es gab ihr ein Gefühl von Wichtigkeit. Anders als die Fast-Food-Bilder, die sie mit ihrem Smartphone schoss, waren die Fotos aus dieser Kamera für die Ewigkeit gedacht. Zumindest in ihrer Vorstellung. Sie zerbrach sich immer wieder den Kopf, womit sie Alex eine Freude bereiten konnte. Doch seine Geschenke würde sie wohl nie überbieten. Es waren Dinge, die kein Mensch ihr hätte schenken können. In ihrer Welt hingegen gab es nichts, was er sich nicht auch selbst besorgen könnte. Ein Winterbild würde ihm sicher gut gefallen, sie würde einen passenden Rahmen dazu kaufen und Alex könnte es in seinem Zimmer in Calahonda aufhängen.

Lilli genoss noch einen Moment lang die Vorstellung seiner Freude über ihr Geschenk. Es tat so gut, ihn zu lieben und von ihm geliebt zu werden, dachte sie glücklich. Alex hatte ihre Welt aus den Angeln gehoben, hatte sie auf den Kopf gestellt und für immer verändert. Er war ihr näher als sonst jemand. Ein Schicksalsband vereinte ihre Seelen und es entsprang nicht einer Redewendung, sondern war das Gesetz seiner Welt. Wasseramphibien retteten manchmal Menschen und empfanden danach ihr Leben lang diese Verbindung zum Geretteten. Bei Alex und ihr war es ein doppeltes Seelenbündnis, denn sie hatte auch ihn gerettet. Selbst wenn sie manchmal unterschiedlicher Meinung waren, geschah es selten in den wichtigen Dingen. Jenseits dieser Äußerlichkeiten waren sie im wahrsten Sinn ein Herz und eine Seele. Eines fehlte neben diesen beiden zwar immer noch, doch dass sie mit ihm in absehbarer Zeit körperlich eins werden würde, blieb Wunschdenken. Da war Alex einfach unglaublich vernünftig.

»Hmm«, entfuhr es Lilli. Sofort spürte sie eine unbändige Sehnsucht nach ihm. Himmel, wie war es möglich, jemanden so zu vermissen, obwohl sie sich erst gestern Abend voneinander verabschiedet hatten? Schnee, tolle Bilder, Ablenkung …

Schnell machte sie sich fertig, um auf andere Gedanken zu kommen. Lilli zog die dickste Jacke an, die sie besaß, und mit der Fototasche auf der Schulter verließ sie die Wohnung. Einen Moment dachte sie, dass es irgendwie schade war, ihre Mutter nicht dabei zu haben. Sie hätte ihr vielleicht ein paar Tipps geben und gleich ihre superteure neue Kamera ausprobieren können.

Draußen empfing Lilli feuchte Kälte. Schnell zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke zu. Auf einen richtigen Winter war sie mit ihrer Kleidung nicht vorbereitet, sie hatte weder Mütze noch Handschuhe dabei. Doch das kümmerte sie jetzt nicht. Zügig loslaufen, ein paar Bilder machen und dann wieder heimkehren war ihr Plan.

Im frisch gefallenen Schnee waren noch keine Fußspuren, als sie den Hof überquerte und durch das hüfthohe Holztor das Anwesen verließ. Nur Don Pedro, der Hausmeister, und eine ältere englische Dame namens Miss Lorraine, die seit Mitte Januar im ersten Stock der Wohnanlage ein Apartment gemietet hatte, wohnten außer ihnen hier. Die restlichen Ferienwohnungen standen zu dieser Jahreszeit leer.

Die Luft roch anders, ungewohnt. Eine Mischung aus Schneegeruch und nassem Stein stieg Lilli in die Nase, als sie den kleinen Hügel hinunterstapfte. Er vermischte sich mit dem herben Duft von Harz, der von den Pinienbüschen im Hang hinter dem Anwesen kam. Ihre Schritte knirschten im Schnee. In der Stille der Morgenlandschaft klang es unnatürlich fremd.

Nach ein paar Metern schaute Lilli zurück zum Anwesen. Der Strahl des Leuchtturms oben auf der Klippe durchdrang schwerfällig den Flockenvorhang. In Sekundenintervallen rotierte er über ihrem Kopf, verlor sich über dem Meer und kehrte zur Klippe zurück. Es war ein unwirkliches Bild, als hätte eine höhere Macht die Elemente in einem Wutanfall durcheinandergebracht und diese seltsame Landschaft geschaffen. Nichts passte mehr zusammen: der Leuchtturm, die verschneiten Blumenranken, das Meer. Lilli nahm sich vor, auf dem Rückweg ein Bild vom Fuß des Hügels aus zu machen, drehte sich um und lief am Rand des Zuckerrohrfeldes entlang Richtung Küstenstraße.

Einem Impuls folgend, schlug Lilli den Pfad ins Feld ein. Die Lil Majestic würde sicher ein tolles Bild abgeben. So hatte Alex das Boot getauft, das ihr geheimes Zuhause geworden war. Er hatte es verlassen und verwittert im Feld entdeckt und liebevoll wieder aufgepäppelt. Dann hatte Alex ihr das Boot einfach geschenkt.

In freudiger Erwartung beschleunigte Lilli ihre Schritte. Die drei Meter hohen Pflanzen links und rechts, die unter der Last ihre Köpfe neigten, hatten den Schnee aufgefangen und der Pfad lag dunkel vor ihr, nur von Zeit zu Zeit schneegesprenkelt. Das Geräusch ihrer Schritte wurde leiser. Fasziniert nahm sie das unwirkliche Licht in sich auf. Eine vertraute Landschaft lag vor ihr und doch war sie ihr in diesem Licht fremd.

Lilli nahm ihre Kamera aus der Tasche, hängte sie am Gurt um den Hals und machte das erste Bild. Den Auslöser drücken ist wie Blinzeln mit dem Finger, dachte sie. Kaum gesehen und schon ist der Moment vorbei. Als sie mit kalten Fingern das nächste Bild auslöste, streifte eine Windbö durchs Feld und fegte Schnee von den Pflanzen. Sie lachte leise auf, als ein Schneehäufchen auf ihrem Haar landete, schüttelte sich und setzte gut gelaunt ihren Weg fort. Schnee brachte die kindliche Seite in ihr zum Schwingen und unwillkürlich dachte sie an Alex. Wo er jetzt war? Noch nie zuvor hatte er Schnee gesehen. Ein Teil von ihr hoffte, ihn im Boot anzutreffen. Es würde ihr gefallen, dabei zu sein, wenn er den allerersten Schnee seines Lebens erlebte. Als Lilli die Pflanzen teilte, die hier enger standen, verscheuchte sie ihre Gedanken an Alex’ Heimat. Sie brachten stets die Angst mit, er könne eines Tages für immer dorthin zurückkehren. Nun, da seine Aufgabe hier an Land erledigt war.

Sie kam der Lichtung mit ihrer Lil Majestic näher. Das schneebedeckte Boot, die kleine Wiese davor … Lilli sah vor ihrem geistigen Auge schon die Bilder, die sie gleich machen wollte. Einen Teil der Fotos könnte sie Alex auf sein Smartphone schicken. Als Vorabgeschenk sozusagen. Wenn er nicht vergaß, nachzuschauen. Lilli musste schmunzeln. Alex war gegenüber der Technik der Menschen am Anfang misstrauisch gewesen. Auf Thalassa 3, seinem Unterwasserzuhause fünfzehn Kilometer vor der Küste von La Perla, hatten sie zwar einige Computer, doch Handys oder Tablets waren ihm fremd gewesen. Inzwischen jedoch zeigte er sich begeistert von seinem »Smartie«, wie er sein neues Smartphone nannte, obwohl er oft vergaß, dass er es hatte und es gar nicht einschaltete.

Zuerst traf Lilli der Geruch. Heftige Übelkeit stieg ihr in die Kehle, sie würgte. Einen Moment hielt sie im Feld inne und schluckte ein paar Mal, in der Hoffnung, die Übelkeit hinunterzuschlucken.

Als sie auf die Lichtung trat, sah sie es. Der Aufschrei blieb Lilli im Hals stecken. Nur mit Mühe verhinderte sie, dass sie sich übergab. Der Schnee auf der Lichtung leuchtete purpurn und sie hatte das schreckliche Gefühl, dass ihre Füße in Blut ertranken. Ihre Knie gaben nach. Lilli ging zu Boden, schluchzte und hyperventilierte gleichzeitig. Es war so hell. Das viele Blut im Schnee, an ihren Händen. Es war so schrecklich hell. Für Sekunden konnte sie den heftigen Brechreiz unterdrücken. Schließlich übergab sie sich laut würgend. Atemwolken lösten sich in schnellen Intervallen von ihren Lippen, als sie aufstand und über die Wiese zum Boot taumelte. Lilli zwang sich, nicht hinzuschauen. Doch das Bild hatte sich ihr für immer eingebrannt: der sterbende Tümmler im Schnee.

Plötzlich durchzuckte Lilli ein heftiger Schmerz. Nicht ihrer. Und doch schrecklich real. Jemand schlitzte ihr den Brustkorb auf. Sie fuchtelte mit den Armen, als wolle sie einen Angreifer abwehren. Druck im Kopf, ein Taumeln. Lilli stürzte vor dem Boot in den Schnee. In schwindelerregender Geschwindigkeit wechselten sich Bilder in ihrem Kopf ab. Nicht ihre Erinnerungen und doch so wirklich. Bilder von Landschaften tief im Meer, Bilder einer Delfinschule. Sie mittendrin, als würde sie mit den Delfinen schwimmen, umgeben von silbrigen Körpern, umkreist von lauten, schrillen Pfeiftönen. Als wäre sie selbst ein Tümmler. Bilder eines Sturms, durch den sie schwamm, mal über, dann wieder unter Wasser. Und plötzliche Stille. Bewegte Bilder zuckten vor ihr auf und wichen anderen, wie in einem experimentellen Film. Da waren Wracks von Schiffen, eine ferne Gruppe Taucher, ein unglaublich langes Netz, in dem Tausende von Fischen dichtgedrängt zappelten. Die Jagd nach einem Sardinenschwarm. Fressen. Zufriedenheit. Auftauchen. Die weite Fläche des Ozeans, Sonnenaufgang am Horizont, in der Ferne ein Dampfer. Sie flog im Regen über den Wellen. Sie tauchte ein und wieder auf. Der Anblick einer Unterwassersiedlung, Kinder, die dort spielten. Alex! Wie er mit ihr mitschwamm. Um die Wette schwimmen und wieder spielen. Und dann sah sie in der Finsternis der Tiefsee das Skelett eines Wals, daneben ein Unterwassergebäude mit Glaskuppeln. Kahler Meeresboden, zerklüfteter Abgrund, Schwarze Raucher, Wärme. Das riesige Felsenlabyrinth, Schluchten ohne Grund, tief und beängstigend. Und dann, in einer Schlucht, ein bläuliches Licht an einem U-Boot, das sich blinkend entfernte. Ein Unterwassersee, über den sie zog, gesäumt von Millionen Muschelschalen. Ein anderer Delfin an ihrer Seite, Zuneigung und Zärtlichkeit. Das Liebesspiel. Dann plötzlich Hände, die zupackten. Die Todesangst in jeder Faser des Körpers und der vergebliche Versuch, sich zu befreien. Die Küste, wie sie näher kam, und der Wunsch, von dort zurück ins tiefe Wasser zu fliehen. Auftauchen aus dem vertrauten Nass, aus der Sicherheit der Leichtigkeit. Kies unter der Haut und das eigene Gewicht, wie es sie erdrückte, als hätte es sich verdreifacht. Schwere, die Berührung der Luft auf der Haut, wie ein feingewebtes Fischernetz, das sich darüber legte. Langsam werdender Herzschlag und Atemnot. Ein Aufbäumen, ein verzweifelter Versuch, zurück ins Meer zu kommen. Hände wie eine Stahlklammer, unnachgiebig, tödlich. Kurz zuckte ein Gesicht ins Blickfeld. Dann hohe Pflanzen, ganz dicht wie ein Seetangwald. Vertraut und doch fremd unter dem kalten Licht des schneienden Himmels. Aufreißende Haut, während sie tiefer ins Feld gezogen wurde. Unerträglicher spitzer Schmerz plötzlich. Ein Kreischen, fast menschlich, entfloh ihr. Die Wunde am Bauch brannte und trieb sie an den Rand der Dunkelheit. Doch die Überraschung, das eigene Blut im Schnee zu sehen, es zu schmecken, zu riechen, hielt sie wach. Das Blut sickerte vom Bauch in den Schnee, sie spürte es. Nichts fühlte sich wie zu Hause an, alles war kalt, fremd und grausam. Schmerz überall. Ersticken. Sterben. Ein schreckliches Grinsen im Gesicht des Mädchens, das den Tod brachte – das letzte Bild. Dann Dunkelheit.

Lilli fasste sich an den Bauch, krümmte sich. Ein stummer Schrei drang aus ihrer Kehle. Und dann noch einer. Endlich kehrte ihre Stimme zurück. Der Ton löste sich von ihren Lippen. Hoch, wie ein Tier, das vor Schmerz schreit.

»Danya«, wimmerte sie, brach im Schnee zusammen und verlor das Bewusstsein.

Geräuschlos glitten die Zuckerrohrstängel wieder zurück, die die Hände geteilt hatten. Die Gestalt richtete sich geschmeidig auf, lief flink zu Lilli und kniete neben ihr. Sie nahm Lillis Kopf in ihre bleichen Hände und schloss die Augen. Es hatte den Anschein, als würde sie Stimmen lauschen. Ein kaltes Lächeln trat langsam auf ihr Gesicht. Sie ließ Lilli los, erhob sich und ging ins Zuckerrohrfeld zurück. Es schien, als würde sie zwischen den Pflanzen hindurchschweben. Kein Stängel rührte sich, kein Laut war zu hören. Die Gestalt verschwand wie ein Geist in der Tiefe des Feldes.


2. Eisfluten

Seine honigfarbenen Locken flatterten im Wind, als Eugene O’Grady mit dem Tablett im Türrahmen des Mesón del Mar stehenblieb.

Es hatte aufgehört zu schneien. Richtung La Perla löste der Himmel sein Nachtschwarz auf, graue Schneewolken zogen schnell weiter und Windböen fegten über den Strand von Calahonda. Zu der Jahreszeit brachen die Tage noch spät an. An diesem Samstag aber würde es nicht richtig hell werden, dachte Eugene, während er den Himmel betrachtete. Seit Tagen hatte die Luft einen milden Hauch von Frühling angenommen, wenn nicht gerade der Südostwind blies und die Kälte vom Meer herüberbrachte, wie heute. Die Pflanzen waren nach dem kurzen Winterschlummer zu neuem Leben erwacht und viele Sträucher in den Gärten trugen schon Blüten.

Einen Moment lang schaute Eugene den schäumenden Wellen zu, wie sie sich ihren Weg bis weit auf den Kies hoch bahnten. Als hätte das Meer nicht genügend Platz jenseits des Berges. Der weiße Schaum der Wellen verschmolz mit dem Schnee und vor Eugenes Augen entstand die Illusion, dass sich das brodelnde Meer über den ganzen Strand gelegt hatte. Aus den Tunnels und Gängen streckte der Berg seine Schaumzungen heraus, als wolle er den Schnee weglecken.

Eugene atmete die kalte Luft tief ein und ließ seinen Blick schweifen. Die Bergkette sah ursprünglich aus. Wie die Felsformationen, an denen der Zahn der Zeit und das Meer Tausende von Jahren genagt hatten und die erstaunlichsten Riesenskulpturen an den Küsten hinterließen. Dabei waren es die Bagger der Menschen gewesen, die Tunnel und Durchgänge in der Sierra Virgen del Mar gegraben hatten. Durch die Schneedecke sah die Bergkette bizarr aus. Eugene bereute es jetzt, nicht doch seinen Fotoapparat oder wenigstens das Handy mitgenommen zu haben, als er heute in aller Herrgottsfrüh mit seinem Onkel von zu Hause aufgebrochen war.

Sierra Virgen del Mar, der Name passte, fand Eugene. Übertrieben, pompös und imposant. Mit der Plötzlichkeit, mit der Gerüchte auftraten, war nur wenige Tage nach dem Beben der Name in aller Munde gewesen: der Berg der Meerjungfrau. Keiner wusste, woher er kam. Doch weil er irgendwie dafür wie geschaffen war, hatte man schließlich beschlossen, im Frühjahr ein Fest zu veranstalten und den Berg offiziell auf diesen Namen zu taufen. Schließlich war man stolz auf den neuen Berg.

Auch wenn nach dem Beben letztes Jahr bald Ruhe eingekehrt war, hatte das Ereignis die Welt in diesem Teil der Costa Granada tief erschüttert und ihr Gesicht für immer verändert. Das spürte Eugene jedes Mal, wenn er durch die Ortschaft streifte. Die lokalen Sagen und Legenden waren populärer denn je und schmückten als Bücher oder Zeitungen die Läden. Die Alten strömten in die Kirche, als wären sie noch gläubiger geworden, und die Jungen ließen überall ihren Schutzgott Indalo auferstehen. Auf viele Häuser war die Figur, die einen Regenbogen auf ihren Händen trägt, gemalt oder aufgehängt. Aber am stärksten war das Gefühl hier am Meeresufer. Aus einem unspektakulären Flecken Küstenlandschaft war ein Ort geworden, der durch den Berg etwas Wildes und Geheimnisvolles angenommen hatte. Diese Veränderungen würden einem Fremden nicht auffallen. Nur wer hier länger gelebt hatte wie Eugene, konnte den neuen Geist an der andalusischen Küste spüren.

Die Saison war noch Wochen entfernt, bisher lagen die Straßen und Ferienwohnungen verlassen da. Bald aber würde es hier von Touristen wimmeln. An diesem Morgen waren außer Chris LeBon und Toni Pereira keine Gäste in der Strandbar. Eugenes Freunde waren vor einer Stunde einfach aufgetaucht. Barry, sein Onkel und Besitzer des traditionellen Chiringuito, war mit Ausbesserungsarbeiten im Gebäude beschäftigt und hatte sie, ungeachtet des scharfen Windes und Schnees, nach draußen verbannt. Hier standen die Tische und Stühle noch von der Winterpause gestapelt und mit Ketten gesichert. Eugene hatte einen Tisch freigemacht und drei Stühle hingestellt. Die Ecke war hinter einem mannshohen Paravent etwas windgeschützt. Mit wenigen Zutaten war es ihm gelungen, ein Frühstück zuzubereiten. Der Kaffee, den er für seine Freunde und sich aufgebrüht hatte, dampfte nun verlockend aus drei großen Tassen auf seinem Tablett.

Sein Verhältnis zu Barry war nach den Ereignissen des letzten Jahres noch angespannter, als es ohnehin schon gewesen war. Eugene mied seinen Onkel, wo es ging. Die Schäden in der Bar, die sich während einer Saison immer ansammelten, waren der unwillkommene Anlass, einige Stunden zusammenarbeiten zu müssen und er begrüßte jede Ablenkung. Der Besuch seiner Freunde kam wie gerufen, obwohl er ihnen wochenlang aus dem Weg gegangen war.

Eugene war in die Sache mit der Bar so hineingerutscht. Zunächst hatte er nur ab und zu ausgeholfen. Als der Berg die Sensation geworden war und eine Menge Leute anzog, musste er öfter Barry unterstützen. Daraus wurde schließlich eine tägliche Angelegenheit und nun konnte er sich Mitinhaber schimpfen. Wenn Barrys Nörgeleien und Sticheleien nicht wären, hätte ihm die Arbeit in einer Tapasbar sogar gefallen, gestand sich Eugene ein. Neuerdings entdeckte er nämlich eine merkwürdige Leidenschaft für das Kochen. Natürlich war es nie sein Plan gewesen, eine Bar zu betreiben, doch sein Traum vom Studieren war längst im nüchternen Licht seines Alltags verpufft. Seit den Ereignissen des letzten Jahres hatte er sich hinter diesem Job versteckt. Es war sein Stückchen Normalität, das er noch nicht bereit war, aufzugeben.

Eugene musste zunächst lernen, mit dem umzugehen, was er geworden war. Und das lag so weit weg vom Normalen, dass es eigentlich gar nicht möglich war.

Manchmal, wenn sich längere Zeit nichts in ihm regte (die Abneigung zu rohem Fisch hatte er inzwischen gut im Griff), dachte er erleichtert, dass es nur ein vorübergehender Zustand gewesen war, wie eine Krankheit, die geheilt war. Doch Eugene wusste, dass diese Hoffnung ein bemitleidenswerter Versuch war, sich etwas vorzugaukeln. Es gab keine Menschenamphibienkrankheit, die man mit dem richtigen Tee heilen konnte, oder wie sein Onkel, wenn er krank war, mit viel Irish Whiskey. Es war weder ein verrücktes Symptom noch seine blühende Fantasie. Sondern seine wahre Natur. Das Wesen des Landamphibions. Und dieses forderte langsam, aber sicher sein Recht ein.

Bei dem Gedanken an eine vollständige Verwandlung riss Eugene sich aus der Betrachtung der verschneiten Landschaft. Nur kurz schwankte er, als er sich an die veränderten Zähne und Finger neulich Nacht erinnerte. Doch als er das Tablett mit den Kaffeetassen an den Tisch trug, war er wieder gefasst.

Chris und Toni hatten ihr Frühstück aufgegessen und unterhielten sich laut. Die beiden wussten nichts von Eugenes Geheimnis und das musste auch so bleiben. Nicht nur, weil er geschworen hatte, niemals etwas zu verraten, sondern weil er mit Sicherheit keine Freunde mehr hätte, würde er ihnen sagen, was er war. Die beiden Kindsköpfe waren sowieso seine einzigen Freunde. Also hielt Eugene den Mund und tat so, als wäre alles wieder beim Alten. Als hätte er die Schweigephase überwunden und wäre nun ein stinknormaler irischer junger Mann, der endlich eingesehen hatte, dass es nichts Schöneres als dieses andalusische Kaff gab.

Eugene bahnte sich zwischen den fuchtelnden Händen seiner Freunde einen Weg und stellte die Tassen auf dem Tisch ab. Stumm betrachtete er die beiden, während sie ihr hitziges Gespräch über Segelboote und Fregatten fortführten, als gäbe es ihn nicht. Er hatte sich seit Silvester hinter fadenscheinigen Ausreden verkrochen und war den Freunden aus dem Weg gegangen. Aus Angst, in ihrer Gegenwart plötzlich spitze Zähne oder schuppige Haut zu bekommen. Insgeheim freute er sich, sie endlich zu sehen, er war in letzter Zeit vereinsamt. Erst jetzt, da sie hier waren, merkte er, wie sehr sie ihm gefehlt hatten.

Toni hatte sich in den vergangenen Wochen wenig verändert. Nur seine rabenschwarzen Haare waren gewachsen und wellten sich hinter den Ohren. Es war offensichtlich, wen er damit nachahmen wollte. Chris, der die Haare immer noch schulterlang trug, hatte sich als Krönung seines Marinero-Looks einen Kinnbart wachsen lassen. Seine wilden Gesten und die alberne alte Strickmütze, die ihm bis in die Augen hing, trugen aber dazu bei, dass er nicht älter als fünfzehn aussah, obwohl er auf die zwanzig zuging.

»Setz dich, Eugene«, sagte Chris und deutete auf den freien Stuhl. »Wir müssen mit dir reden.« Mit dem Daumen schob er sich die Mütze höher auf die Stirn.

Toni nickte beflissen. Er richtete sich im Stuhl auf, rieb sich die Hände und griff nach der Tasse, die Eugene ihm hingestellt hatte. »Her mit dem Kaffee, ich friere. Barry ist doch nicht ganz dicht, uns einfach nach draußen zu komplimentieren. Wir wollen den Kaffee ja nicht umsonst.«

»Super, Toni, du lädst uns ein!«, rief Chris und grinste breit.

»Hä? Hab ich das gesagt?«

Chris nickte überzeugt.

»Ach, egal. Ich lade euch ein«, sagte Toni und nahm einen Schluck aus seiner Tasse.

»Ihr wollt reden?«, fragte Eugene, während er Chris eine Tasse rüberschob.

»Und zwar ernsthaft«, sagte Chris. Er nahm seinen Kaffee mit einem dankbaren Nicken an.

Eugene blickte von einem zum anderen und setzte sich schließlich. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Seine Freunde benahmen sich merkwürdig. Erst kreuzten sie hier unerwartet auf, dann wollten sie mit ihm »ernsthaft« reden. Ob sie gemerkt hatten, dass er sich verändert hatte? Auf den ersten Blick sah man vermutlich nichts, doch er wusste, dass sein Gesicht schmaler geworden war. Dafür waren seine Schultern nun breiter, obwohl er nicht trainierte. Er hatte es neulich an seinem alten Lieblingshemd gemerkt, das plötzlich über der Brust spannte.

»Wir haben nachgedacht«, begann Chris und dämpfte seine Stimme.

Oh nein, dachte Eugene entnervt. Das konnte nichts Gutes bedeuten. So war es auch.

»Die Skelette in der Höhle …«, setzte Toni an.

»Mann!«, rief Eugene ungehalten. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein! Sie waren sich einig gewesen, über jenes Ereignis nie wieder zu sprechen. Er umklammerte seine Tasse fester.

»Wir können nicht so tun, als gebe es keine Knochen in einem Loch unter dem Meer«, sagte Toni zwischen zwei Schlucken. »Wir können echt nicht länger vorgeben, nichts in der Tropfsteinhöhle gesehen zu haben. Ich weiß, wir wollten nicht mehr darüber reden …«

»Genau!«, fauchte Eugene, »nie wieder.« Da war sie. Die Situation, vor der er sich gefürchtet hatte. Er war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren.

»Jetzt warte doch mal.« Chris beugte sich über den Tisch. Er war offensichtlich von Eugenes heftiger Reaktion überrascht worden und blinzelte schneller. »Ich weiß, ich hatte wahnsinnige Schmerzen und alles, aber ich weiß, was ich gesehen habe. Die Zähne …«

»Herrgott noch mal! Vergiss doch die Zähne. Du warst im Fieberwahn. Kein vernünftiger Mensch würde an spitze Zähne glauben.«

»Selbst wenn ich mir die Zähne nur eingebildet habe, Eugene, die Skelette waren keine Einbildung gewesen. Und …«

»Und was?« Eugene stand so abrupt auf, dass Kaffee aus den Tassen auf den Tisch schwappte. Er spürte das vertraute innere Zittern. Verzweifelt schaute er auf seine Hände. Sie sahen normal aus. Noch hatte er sich im Griff.

»Scht! Willst du, dass Barry dich hört? Und unterbrich uns nicht dauernd. Hör doch mal zu, was wir zu sagen haben.« Das war Toni.

»Ach, wir also. Dann habt ihr zwei hinter meinem Rücken schon alles besprochen, was?« Mühsam brachte Eugene die Worte über die Lippen, bemüht, so gelassen wie möglich zu klingen.

»Du hast dich ja nicht mehr blicken lassen«, sagte Toni und schaute Eugene vorwurfsvoll an.

»Und da habt ihr ohne mich die ganze Sache wieder aufgewärmt.« Einatmen, ausatmen.

»Wir können es nicht ohne dich. Der einzige uns bekannte Weg zurück in die Höhle ist über Barrys Keller«, sagte Chris.

Eugene lachte freudlos auf. »Ihr seid verrückt! Was wollt ihr? Noch einmal die Mauer einreißen?«

Als er nur stumme Blicke erntete, begann er, auf und ab zu laufen. Aber die bescheuerte Idee der beiden war nicht das Einzige, das ihn umtrieb. Er hoffte, dass seine Erregung durchs Laufen nachließ. Es wäre eine Riesenkatastrophe, wenn er plötzlich begann, sich zu verwandeln. Einatmen, ausatmen. Zweiundzwanzig, dreiundzwanzig … Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen.

»Ihr meint es ernst?«, fragte er schließlich und verlangsamte seine Schritte. »Verdammt! Und ich hatte mich gefreut, euch wiederzusehen.«

»Was soll schon dabei passieren? Wir gehen diesmal vorbereitet hinein. Werkzeug, Fotokamera …«

»Unter der Gefahr, dass du mich jetzt verprügelst, weil ich dir wieder ins Wort falle – aber kommt nicht in Frage, Toni! Ich will nichts mehr davon hören. Wir beenden jetzt dieses Thema und reden über Segelboote.« Das meinte er verdammt ernst. Es reichte ihm schon, sich auf seinen Zustand zu konzentrieren, da konnte er nicht auch noch dieser bescheuerten Idee nachgehen.

»Wovor hast du solche Angst?«

Pah! Wenn du wüsstest. Im Moment ist meine größte Angst, mich nicht in ein hässliches Reptil zu verwandeln und dich in Stücke zu reißen. Natürlich sprach Eugene diesen Gedanken nicht aus. Doch man sah ihm wohl an, dass er nicht begeistert war, in welche Richtung dieses Gespräch ging.

»Segelboote«, zischte Eugene, »und zwar, vom ersten gebauten bis zum modernsten. Wer fängt an?«

Chris schnalzte mit der Zunge.

Toni öffnete den Mund und schloss ihn wieder.

»Na gut, dann fang ich …«

Chris unterbrach ihn. »Eugene, wir müssen vernünftig sein.«

»Eben! Vernünftig ist, diese Sache für immer zu begraben. Wortwörtlich sozusagen.« Eugene holte für den nächsten Satz tief Luft. »Wenn ihr es nicht bleiben lasst, dürft ihr sofort gehen.« Er blickte in ihre verdutzten Gesichter. Seltsamerweise hatte ihn das Aussprechen dieses Gedankens mit einem Schlag beruhigt. Gott sei Dank!

»Du willst uns rausschmeißen?« Toni sprach in die Kaffeetasse. Eine Dampfwolke stieß heraus und verflüchtigte sich sofort.

»Ich will nicht. Aber wenn ihr diese Sache nicht ruhen lasst, dann bleibt mir nichts anderes übrig. Lasst es doch endlich gut sein.« Eugenes Stimme war jetzt ruhig. Vielleicht wirkten die Worte gerade deshalb so eindringlich.

Toni stellte seine Tasse ab. Er fasste sich an die Stirn. Dann hob er den Blick. »Deine Gesellschaft ist mir wichtiger, als diese … du weißt schon, was.«

»Was ist mir dir?«, fragte Eugene und schaute Chris finster an.

Dieser zuckte nur mit den Schultern. Seine Schuhspitze malte Kreise in den Schnee.

»Ich nehme das als ein Ja«, sagte Eugene mit gezwungen ruhiger Stimme.

Als wäre es das Stichwort für seinen Einsatz, kam Barry aus dem Mesón geschossen. Sein Gesicht war rot angelaufen und er schnaubte wie ein wildgewordener Stier. Seine schütteren rostbraun gefärbten Haare standen ihm wirr vom Kopf ab und der Schnauzer zitterte. Er sah noch schräger als sonst aus.

»Was habt ihr getan?«, brüllte Barry, trat auf Eugene zu und packte ihn grob an der Schulter. »Was zum Teufel hast du getan?«

Eugene drehte sich langsam zu ihm um. Sein Blick ging zu Barrys Hand auf seiner Schulter. Barry ließ ihn los, doch seine Wut brannte auf Eugenes Schulter wie ein glühender Abdruck.

»Señor Barry, was ist los?«, fragte Toni überrascht, bevor Eugene etwas erwidern konnte.

»Was los ist? Ich werde dir sagen, loco, was los ist! Die Mauer unten im Keller ist wieder eingerissen worden. Das ist los! Und jetzt will ich wissen, was ihr euch dabei gedacht habt!« Speichelflocken lösten sich von seinen Lippen und fielen auf Eugenes Schulter.

Eugene starrte seinen Onkel sprachlos an, dann zuckte sein Blick zu Toni und Chris.

»Oho!«, war alles, was Chris sagte.

»Oho mich nicht an, Junge! Raus mit der Sprache! Warum habe ich wieder ein Loch im Keller?«

»Mister Barry, ich schwöre, wir wissen nichts von einem Loch.« Das war Chris, der sich nun vom Tisch erhob. Er war sichtlich verärgert.

Eine wirklich dumme Beschuldigung, in Anbetracht der Tatsache, dass er und Toni vor wenigen Sekunden den Wunsch geäußert hatten, das Loch erneut zu öffnen. Kurz überlegte Eugene, ob es möglich war, dass die beiden es wirklich getan hatten. Doch er verwarf diesen Gedanken wieder. Hätten sie es gemacht, wären sie nicht so dumm gewesen, ihn zu fragen, ob er bei ihrem Plan mitmachte. Es war zu komisch.

Drei Paar Augen schauten ihn an, als er in schallendes Gelächter ausbrach. Eugenes Lachen verebbte. »Es ist witzig, das müsst ihr zugeben.«

Eugene bemerkte, wie es um Tonis und Chris’ Mundwinkel zuckte. Barry fand es offensichtlich am wenigsten lustig, in seinen Augen blitzte Wut auf.

»Barry, wir wissen wirklich nichts davon«, sagte Eugene an seinen Onkel gewandt. »Ich schlage vor, du beruhigst dich und wir schauen uns das Ganze an.«

»Beruhigen soll ich mich? Das sagt gerade der, der schon einmal ein Loch in meinem Keller gebuddelt hat.« Barry versetzte Eugene einen bösen Blick. Er war noch weit davon entfernt, ruhig zu werden. Und er hatte offensichtlich beschlossen, nicht mehr so zu tun, als hätte es das erste Loch in seiner Kellerwand nie gegeben.

Er hatte Eugene kein einziges Mal direkt darauf angesprochen, doch es waren die stummen Vorwürfe, die Andeutungen und Anspielungen, die zwischen ihnen standen und die Stimmung vergifteten. Dass Eugene an den Ereignissen des letzten Jahres Schuld trug, stand praktisch in glühenden Lettern auf seiner Stirn geschrieben. Die eingerissene Kellerwand, das Beben, die Verletzungen seiner Freunde, Lillis »Rausch« … Gut, für einen Teil davon fühlte er sich verantwortlich, doch vor Barry würde er das nie zugeben.

»Was regst du dich über ein altes Loch auf? Deine blöde Mauer wurde ja repariert, schon vergessen?«, sagte Eugene säuerlich. Er hatte es nicht vergessen. Seraphim und seine Leute hatten sie schnell repariert. Dass Barry es trotzdem entdeckt hatte, war eines jener ungeplanten Dinge, die nach dem Beben passiert waren.

Barrys Augen funkelten böse in die Runde. Er atmete schwer.

»Wir wissen wirklich nichts von einem neuen Loch.« Auch Toni hatte sich vom Tisch erhoben. Er sagte es so gelassen wie nur möglich, schob die Schultern zu den Ohren hoch und schaute Barry direkt in die Augen.

Barry schaute eindringlich zurück und beschloss offensichtlich nach einem kurzen Blickduell, Toni zu glauben. Sein Atem beruhigte sich allmählich. Er schüttelte missmutig den Kopf, sagte aber nichts mehr. Plötzlich trat er mit dem Fuß gegen den Tisch. Alle zuckten zusammen, als die Tassen schepperten. Eugene war sich sicher, dass sein Onkel sich über sich selbst ärgerte, weil er die Beherrschung verloren und endlich ausgesprochen hatte, was er die ganze Zeit heruntergeschluckt hatte. Ohne ein weiteres Wort machte Barry kehrt und stapfte ins Mesón zurück. Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss.

Die drei standen einige Sekunden sprachlos da.

»Nun gut, dann sehen wir uns mal das neue Loch an«, sagte Eugene schließlich.

Mit diesen Worten ging er zur Eingangstür und verschwand ins Innere. Er hörte seine Freunde hinter sich die Bar betreten. Die quadratische Falltür im Boden war zurückgeklappt und ein Lichtschimmer drang von unten zu ihnen. Eugene stieg die schmale steile Kellertreppe als erster hinab. Obwohl er entschlossen voranlief, war ihm gar nicht danach zumute. Eine Gänsehaut breitete sich auf seinen Armen aus, als sein Blick über die Regale, Kisten und Gegenstände schweifte und ihm der vertraute Geruch in die Nase stieg. Diesen Keller hatte er gemieden wie der Teufel das Weihwasser.

Barry war hinten im Keller dabei, eine Kiste ins Regal zu hieven. Als er Eugene erblickte, ließ er die Kiste los und richtete sich auf. Stumm deutete er auf die Wand.

Eugene zwängte sich an Barry vorbei. Die Mauer, in die sie schon einmal ein Loch geschlagen hatten, war an der gleichen Stelle durchbrochen worden. Es sah aus, als hätte jemand mit einem einzigen Schlag die Mauer eingerissen. Für sie allerdings wäre das Loch zu klein zum Hindurchschlupfen gewesen, schoss es Eugene durch den Kopf.

Toni und Chris waren inzwischen bei ihm angekommen.

»Was sagt man dazu?«, brummte Chris.

»Muss aber ein Zwerg gewesen sein, wenn er es durch dieses Loch geschafft hat. Señor Barry, fehlt Ihnen etwas aus dem Keller?«

Barry schüttelte den Kopf.

Toni bückte sich und schob eine der Holzkisten beiseite, die neben der Wand standen. »Bin ich der Einzige, der es merkwürdig findet, dass Steine auf dieser Seite der Mauer liegen?« Er deutete auf die Mauerbrocken, die jetzt hinter der Kiste zum Vorschein kamen. Dabei klopfte er sich den Staub von den Händen.

Eugene begriff nicht, was Toni meinte. Nach Chris’ Gesichtsausdruck zu urteilen, dieser auch nicht.

»Es sieht ganz so aus, als wäre die Mauer von der anderen Seite aufgerissen worden. Sonst wären keine Mauerstücke auf dieser Seite.«

Klar! Eugene schob Toni zur Seite und steckte seinen Kopf durchs Loch. Der bekannte muffige Geruch nach abgestandenem Wasser, Staub und Salz stieg ihm in die Nase. Mit ihm kamen die Bilder ihres ersten Erkundungsausflugs zurück. Wie die Falltür in der großen Tropfsteinhöhle ihnen den Weg nach Hause versperrt hatte. Wie sie das Beben überrascht hatte und sie schwer verletzt wurden. Und dann das Erscheinen von Seraphim und Marc, während seine beiden Freunde bewusstlos gewesen waren. Wie er erfahren hatte, dass es die Menschenamphibien gab, und ihr gemeinsamer Weg durch den zweiten Tunnel, der nach Thalassa 3 führte. Vor allem aber, wie Seraphim ihm gesagt hatte, dass er selbst zum anderen Zweig der Menschenamphibien gehörte, den Landamphibien, während er gewartet hatte, dass die Thalassier seinen schwerverletzten Freunden halfen. Eugene schüttelte die Erinnerungen sofort ab.

Toni hatte recht, die Mauer war vom Tunnel aus eingerissen worden. Hinter der Mauer war der Graben immer noch mit Wasser gefüllt. Als er seinen Kopf zurückziehen wollte, fiel Eugene ein Gegenstand auf, der dicht hinter der Mauer im Wasser lag. Er schob eine Schulter hinein und versuchte, an den Gegenstand zu kommen. Sein Arm reichte aber nicht bis nach unten.

»He, Chris! Versuch du, das Ding da zu kriegen, du hast längere Arme.« Eugene hatte sich aus dem Loch zurückgezogen.

»Welches Ding?«, fragte Chris.

»Unter der Mauer liegt ein Hammer. Oder etwas, das einem Hammer ähnelt.«

»Zeig her«, sagte Chris und schob Eugene beiseite. Er steckte den Kopf durch das Mauerloch. »Ich sehe was. Gebt mir mal eine Taschenlampe!«, rief Chris nach einer Weile. Es klang, als würde er in einen Becher sprechen.

Eugene sah sich nach Toni und Barry um. Sein Onkel, der sich dicht bei ihnen gehalten hatte, lief nun vor zur Treppe und fischte unter einer der Stufen eine Taschenlampe hervor. Er wischte den Staub weg und reichte sie Eugene.

»Hier!«, sagte Eugene und gab sie Chris.

Es dauerte ein paar Sekunden, doch schließlich rief Chris: »Hab es!« Als er sich aufrichtete und den Arm aus dem Loch zog, hielt er den Gegenstand in der Hand.

Er sah tatsächlich wie ein Hammer aus, hatte aber einen größeren Metallkopf, der zu einem Ende hin spitz zulief, was ihm das Aussehen einer Waffe verlieh. Ein ungewöhnlicher Gegenstand und doch kam er Eugene merkwürdig vertraut vor.

»Was ist das?«, fragte Chris und schüttelte das Wasser von seinem Arm ab.

Eugene nahm den Gegenstand an sich und betrachtete ihn lange. Der Hammer war nicht sonderlich groß, dafür aber überraschend schwer. Auf einer Seite entdeckte Eugene eine Gravur, ein Symbol. Plötzlich fiel ihm ein, wo er einen ähnlichen Gegenstand schon einmal gesehen hatte: auf Thalassa 3. Als er damals nach dem Beben mit Seraphim durch die vielen Räume und Gänge gelaufen war, hatte er irgendwo auf einem Tisch einen solchen Hammer gesehen. Das war nicht gut. Das war gar nicht gut. Eugene bemühte sich, seine Gesichtszüge zu kontrollieren. Wie sollte er seinen Freunden und Barry erklären, dass er mit ziemlicher Sicherheit die Waffe eines Thalassiers in Händen hielt?

»Und?«, fragte Toni.

Eugene zuckte zusammen. »Ich schätze, es ist eine Spitzhacke«, sagte er schnell. »Mit der muss unser Unbekannter die Mauer eingeschlagen haben.«

»Gib her!«, befahl Barry, der die ganze Zeit hinter Toni und Chris gewartet hatte. Jetzt schob er die beiden weg und nahm Eugene den Gegenstand aus der Hand. Er musterte ihn von allen Seiten, wobei er beim eingravierten Symbol länger verharrte. Als er schließlich den Blick zu Eugene hob, stand darin eher Besorgnis, denn Verwunderung.

Toni und Chris konnten Barrys Gesicht nicht sehen, doch Eugene hätte wetten können, dass Barry wusste, was er da in Händen hielt. Bevor er diesem Gedanken nachgehen konnte, drehte sich Barry wieder um und lief zur Kellertreppe vor. »Ihr seid aus dem Schneider!«, rief er noch, bevor er nach oben verschwand.

Die drei standen eine Weile stumm da und betrachteten das Loch. Jeder hing den eigenen Gedanken nach.

Eugene war der Erste, der schließlich sprach. »Lasst uns von hier verschwinden.«

»Geht es nur mir so, oder ist diese ganze Sache gespenstisch?«, murmelte Chris.

»Nur dir!«

»Gespenstisch!«

Das Erste hatte Eugene gerufen, das Zweite gleichzeitig Toni.

»Wie dem auch sei, lasst uns gehen«, wiederholte Eugene bestimmt.

»Jetzt warte mal. Offensichtlich kommt man von irgendwo auf der anderen Seite dieser Mauer in den Tunnel. Wenn wir schon hier sind, könnten wir überlegen, ob wir nicht …«

»Toni, du legst es echt drauf an. Mann, die Sache ist doch bescheuert!« Eugene spürte wieder die bekannte Wut in sich hochsteigen.

»Lass mich ausreden! Ich wollte vorschlagen, dass wir Wache schieben. Wenn jemand angefangen hat, ein Loch zu schlagen, kommt er vielleicht zurück und vollendet es.«

»Super Plan, Toni«, sagte Eugene spöttisch. »Und wir sitzen von morgens bis abends jeden Tag und jede Nacht hier herum und warten, dass vielleicht jemand kommt.«

Toni verzog das Gesicht. »Na ja, ist unrealistisch, ich gebe es zu.«

»Und deshalb vergessen wir das Ganze und gehen jetzt wieder. Ich werde die Mauer in diesen Tagen zumauern und gut ist.« Eugene sah seinen Freunden genau an, dass ihnen eher vorschwebte, das Loch zu vergrößern und wieder hineinzugehen.

»Hättest du was dagegen, wenn nur Toni und ich es versuchen?« Chris klang verunsichert.

Eugene musste sich eingestehen, dass auch ihn die Existenz der Skelette immer wieder beschäftigt hatte. Und wenn schon jemand ein Loch geschlagen hatte, dann konnten sie genauso gut noch einmal in die Tropfsteinhöhle gehen.

Toni und Chris sahen ihn erwartungsvoll an.

Er nickte schließlich. »Also gut, wir gehen hinein. Aber es läuft nach meinem Plan.«

»Klar, jefe!«, sagte Toni mit einem zufriedenen Grinsen.

»Yes!«, flüsterte Chris triumphierend.

Sie verließen den Keller und traten aus dem Mesón. Ihre Kaffeetassen standen noch auf dem Tisch, doch der Kaffee war längst kalt geworden.

Als Eugene die Tassen einsammeln wollte, um frischen Kaffee zu holen, blieb sein Blick an der Klippe hängen. Er erstarrte zu einer Bildsäule. »Was ist jetzt wieder?«, murmelte er.

Chris und Toni folgten seinem Blick.

»Da ist …« Chris schnappte nach Luft.

Mit unverhohlenem Entsetzen in den Augen schaute auch Toni zur hohen Felsnase, die wenige Meter hinter der Tapasbar senkrecht aus dem Meer ragte. Die steinerne Balustrade der Autobahn zog eine Kurve, darunter fiel zerklüftet die rostfarbene Felswand hundert Meter tief ab. In der Kurve war ein unbefestigtes Plateau, das als Parkplatz und Aussichtspunkt diente.

Die Gestalt stand nicht auf dem Parkplatz hinter den Steinplanken. Sie lehnte eine Mannshöhe unterhalb mit dem Rücken zur Felswand. Im dämmrigen Licht des Morgens, mehr Schatten als Wirklichkeit, schien sie zu überlegen.

Möwen zogen vor der Klippe ihre Kreise, ab und zu brach ein Vogel aus, flog zu einem Felsspalt und verschwand darin.

»Hat der vor, zu …«

Der Schatten sprang nicht. Er löste sich von der Klippenwand, als hätte der Fels ihn mit unsichtbaren Fingern angetippt. Mit wehenden Kleidern stürzte die Gestalt in die Tiefe. Etwas flatterte kurz auf, bevor es im Meer versank.


3. Black

Überrascht trat Alex auf die kleine Terrasse seiner Souterrainwohnung. Der Morgen dämmerte erst heran und doch erschien der Innenhof der Anlage heller, leuchtender. Er kannte Schnee nur aus Filmen, so fühlte sich also echter an! Vergnügt ließ sich Alex die Schneeflocken um die Nase wehen.

Einen Augenblick lang war er versucht, Lilli anzurufen. Doch dann bremste er sich. Sicher schlief sie um diese frühe Morgenstunde noch, es war ja Samstag. Und er sollte bei seinem Plan bleiben und zum Meer aufbrechen. Von Zeit zu Zeit brauchte Alex das Wasser, das Abtauchen in sein Element. Sonst wurde er unausstehlich, nervös und schlecht gelaunt. Außerdem näherte sich Lillis Geburtstag. Und er hatte vor, ihr ein besonderes Geschenk aus seiner Welt mitzubringen. Einen seltenen Seestern, der sich nur wenige Tage an diesem Ort aufhielt, bevor die Kolonien mit der warmen Strömung aus Afrika weitertrieben. Immer, wenn sie hier vorbeizogen, blieben Tiere zurück, die zu schwach waren und starben.

Einmal hatte Alex Seesterne in einem Souvenirladen gesehen und zuerst gedacht, sie wären unecht. Knochenbleich und hart hatten sie seltsam fremd ausgesehen. In seiner Welt waren Seesterne farbenfrohe Geschöpfte, die sich geschmeidig auf dem Meeresgrund bewegten und sich pelzig anfühlten. Der Verkäufer hatte ihm leicht pikiert erklärt, dass es sehr wohl echte Sterne waren, dass man sie natürlich trocknen lässt und sie erst dann hart wurden, aber auch ihre Farben einbüßten. Damals war ihm die Idee gekommen, Lilli einen zu schenken.

Alex betrachtete noch einen Moment die Schneeflocken, die in seinen Handflächen liegen blieben. Sie schmolzen nicht, denn seine Hände waren kalt wie die Morgenluft und er konnte ihre perfekte Struktur bewundern. Sie erinnerten ihn an Seesterne. Heute passte ihm seine wechselwarme Veranlagung prima, er war Teil der Landschaft geworden, wie er im Innenhof mit seinen verschneiten Palmen und Sträuchern stand. Der Schneefall wurde inzwischen dichter, und bald legte sich das nasse Weiß auf seine Haare, in die Kapuze des Sweatshirts und auf den Schultern.

Das Klingeln des Smartphones im Zimmer riss Alex aus der Betrachtung der winterlichen Landschaft. Er hatte sich noch nicht an dieses Gerät gewöhnt und zuckte jedes Mal zusammen, wenn es losklingelte. Vergnügt klopfte er sich den Schnee ab, wischte eine letzte Flocke weg, die sich in seinen Wimpern verfangen hatte, und ging zurück ins Zimmer. Außer Lilli kannte niemand seine Nummer, bestimmt hatte sie den gleichen Gedanken wie er, wenn sie jetzt anrief. Vielleicht verschob er doch seinen Ausflug ins Meer und traf sich mit ihr auf eine Schneeballschlacht.

Alex antwortete mit einem fröhlichen »Guten Morgen, Schneeflocke!« Während er lauschte, beschlich ihn eine ungute Vorahnung.

Lilli schrie und wimmerte abwechselnd.

»Bitte beruhige dich. Ich verstehe dich nicht.«

Sein Herz begann zu rasen. Als Alex endlich heraushörte, dass sie bei der Lil Majestic war, legte er auf und stürmte aus dem Zimmer. Er stieg auf sein Rad, das vor dem Haus an der Wand lehnte, und fuhr los, ohne etwas Wärmeres anzuziehen. Alex fror nicht und er hatte keine Zeit, sich um die Meinung der Leute Gedanken zu machen. Auf den ersten Metern schlitterte er und verlor beinahe die Kontrolle über das Rad. Über Schnee zu fahren, war ungewohnt.

Alex schlug den Weg Richtung La Perla ein, mehr rutschend denn fahrend kam er durch die Gassen Calahondas. Als er um eine Häuserecke bog, verlor er das Gleichgewicht und glitt seitlich weg. Unsanft knallte er mit der Schulter gegen die Hauswand und landete mit einem Knie auf dem Boden. Ohne sich um den stechenden Schmerz zu kümmern, richtete er sich auf und setzte seinen Weg fort.

Scharfer Wind pfiff Alex um die Ohren, als er endlich die Küstenstraße erreichte. Ein fremder Geruch schlug ihm entgegen, feucht und schwer fühlte sich die Luft beim Atmen an. Die sieben Kilometer erschienen ihm wie siebentausend. An Land spürte er nicht, was in dieser Entfernung geschah, wie er es unter Wasser tun würde. Die Ungewissheit machte ihn wahnsinnig.

Nach wenigen Minuten sprang er entnervt vom Rad, ließ es am Straßenrand zurück und rannte weiter. Er war gewiss schneller da, wenn er sich nicht mit dem Rad durch den Schnee quälte. Für die winterliche Landschaft hatte Alex keinen Blick, als er durch den knöchelhohen Schnee die Straße entlangraste. Noch keine Reifenspuren waren auf der Straße zu sehen, keine Menschenseele begegnete ihm.

Zwanzig Minuten später erreichte Alex den Rand des Zuckerrohrfeldes. Ohne zu überlegen, hastete er ins Feld hinein, obwohl hier kein Weg nach innen führte. Für Umwege blieb keine Zeit, er würde sich bis zur Lichtung mit der Lil Majestic durchschlagen. Mit Händen und Füßen bahnte er sich den Weg zwischen den hohen Zuckerrohrstängeln ins Herz des Feldes.

Mit einem Mal drehte der Wind, der Geruch von Blut schlug ihm entgegen. Entsetzt hielt Alex inne. Doch er beruhigte sich etwas, als er nach dem ersten Schockmoment erkannte, dass er nicht Lillis Blut roch. Was war hier los? Keuchend setzte er seinen Weg Richtung Boot fort. An manchen Stellen wuchs das Zuckerrohr so dicht, dass er Mühe hatte, zügig voranzukommen. Nach wenigen Metern erreichte Alex unerwartet eine breite Schneise. Sie führte ins Feld hinein. Die Pflanzen waren niedergedrückt worden, eine dünnere Schicht Schnee lag darüber, und Alex spürte, wie von dort der Geruch nach frischem Grün aufstieg. Ein weiterer mischte sich darunter. Salzig, nach Meer und Fisch. Ohne weiter darüber nachzudenken, folgte er der Schneise und erreichte wenig später die Lichtung.

Alex schnappte nach Luft, als hätte er plötzlich verlernt, an Land zu atmen. Ein braunes Tümmlerauge schaute in den schneienden Himmel, als könne es nicht glauben, was es dort sah. Doch es war glasig und ausdruckslos.

Es war Black.

Der Delfin lag zur Seite gekippt da, Blut sickerte aus einer langen, tiefen Schnittwunde am Bauch in den Schnee und bildete dort Rinnsale. Die Schneeflocken, die in die Fußspuren um Black fielen, saugten sich mit Rot voll, kaum dass sie unten angekommen waren.

Lilli lag zusammengekauert und mit blau angelaufenen Lippen vor den Stufen der Lil Majestic. Schnee bedeckte ihre Haare und sammelte sich in den Tälern ihrer Kleidung, als läge sie schon Stunden dort. Ihr Kopf war seltsam verdreht, die Augen geschlossen und die Hände hatten sich um ihre Fotokamera geklammert.

Dem Tier war nicht mehr zu helfen, wie Alex sofort begriff. Doch Lilli … halb erfroren, mitten in diesem See aus Schneeblut. Er musste sie schleunigst ins Trockene bringen.

Während er sich zu ihr bückte, berührte er sanft ihre Schulter.

»Lilli …«

Alex hatte nicht gewusst, dass Tümmler so helles Blut hatten. Himmel noch mal, was war hier nur los? Als sie kein Zeichen gab, dass sie ihn wahrnahm, hob er Lilli kurzentschlossen auf seine Arme und brachte sie ins Boot.

Unten angekommen, bettete Alex sie auf die Koje. Er nahm ihr die Kamera aus den klammen Händen, zog ihre blutgetränkten nassen Sachen vorsichtig aus und wickelte sie in alle Decken, die er finden konnte. Aus der Tischschublade holte er Kerzen und Teelichter, verteilte sie um die Koje und zündete sie an. Dann streifte Alex seine Schuhe ab und legte sich zu Lilli. Insgeheim verfluchte er jetzt seine wechselwarme Veranlagung. Von draußen hatte er die Kälte mitgebracht und hatte somit keine Chance, Lilli zu wärmen. Dennoch nahm er sie fest in seine Arme und rieb kräftig ihren Rücken. Er hielt erst inne, als er merkte, dass sie stumm zu weinen begann. Verzweifelt ließ Alex es geschehen, hielt Lilli noch fester, als könnte er sie vor dem Grauen draußen beschützen.

Auf dem Weg hierher hatte er sich darauf eingestellt, dass etwas Schlimmes passiert war. Die ersten Spuren im Feld, der seltsame Geruch. Nichts von dem hatte ihn aber auf diese Gräueltat vorbereitet.

Wieso war Lilli nur so früh hierhergekommen?

Sie beruhigte sich allmählich in seinen Armen. Das stumme Weinen, das ihren Körper geschüttelt hatte, wich einem leisen Wimmern.

Es trieb Alex nun doch die Tränen in die Augen. Er spürte deutlich, dass Lilli Schmerzen hatte und das verwirrte ihn zusätzlich. Sie war unverletzt, wie er sofort erkannt hatte, doch etwas schien ihr die Brust zu zerreißen. Ein Schmerz wie aus einem anderen Leben. Seine Sorge wuchs. Er versuchte, diesen Schmerz zu begreifen, hütete sich aber, sie zu fragen. Während er sie fest umschlungen hielt, überstürzten sich seine Gedanken. Wer würde so etwas tun? Es kam nur eine Person in Frage, gab er sich sofort die Antwort. Jemand, der schnell genug war, einen Delfin zu jagen und einzufangen. Jemand, der so kräftig war, einen ausgewachsenen Tümmler aus dem Meer hierher zu schleppen. Und der nichts mehr hatte, was menschlich war. Aber warum der aufgeschlitzte Bauch? Es hätte gereicht, den Delfin einfach an Land zu bringen, um ihn zu töten. Warum ihm noch eine solche Wunde zufügen? Noch mehr Schmerzen? Oder Blut …?

Black war das Männchen im Paar gewesen, mit dem Alex sich vor langer Zeit auf Thalassa 3 angefreundet hatte. Als er letztes Jahr an Land gegangen war, waren die Tümmler ihm bis nahe der Küste gefolgt. Lilli kannte die beiden Delfine auch, er hatte sie ihr letztes Jahr kurzentschlossen vorgestellt. Zu jener Zeit war das Tümmlerpärchen das Einzige, was er ihr aus seiner Welt zeigen konnte, ohne sein Geheimnis preiszugeben. Die Tiere hatten sie sofort akzeptiert und Lilli hatte sie auf Black und White getauft. Der dunkelgraue, fast schwarze Rücken des Männchens hatte sie auf den Namen Black gebracht. Und der sehr helle Bauch des Weibchens bot sich für White an.

Hatte sie den Delfin erkannt?

Alex presste seine Stirn an Lillis Rücken, hielt sie weiter fest umschlungen. Er hatte es gewusst! Er hatte gewusst, dass es noch nicht vorbei war.

Letztes Jahr hatten die Ereignisse zwar eine gute Wendung genommen, sie hatten Rex und seine Mannschaft beseitigt. Lilli hatte es mehr oder weniger heil überlebt und langsam war der Alltag zurückgekehrt. Doch tief in seinem Inneren hatte Alex gewusst, dass die Normalität nur eine Pause war. Danya war ihnen entwischt und niemand aus seinem Team glaubte ernsthaft daran, dass sie für immer untergetaucht war. Marc, seinem besten Freund und Danyas Bruder, hatte Alex versprechen müssen, sie zu finden. Seraphim, seinem Mentor, hatte er ebenfalls versichert, die Abtrünnige aufzutreiben. Alex hatte es aber aufgeschoben, hatte irgendwann sogar vergessen, dass sich da draußen eine Auserwählte mit der dunklen Seite der Macht in der Seele herumtrieb. Er hatte sich zu sehr darauf verlassen, dass seine Freunde auf Thalassa 3 sich darum kümmerten. Das war ein Fehler, wie er jetzt einsah. Er hätte die Suche nach Danya zu seiner wichtigsten Aufgabe machen müssen. Er hätte es nicht so weit kommen lassen dürfen, dass sie Zeit gewann und den ersten Schritt wagte. Denn dass der tote Black das Werk Danyas war, wusste Alex mit untrüglicher Sicherheit. Einen Moment war er geneigt, der Überlieferung der Thalassier zu glauben: dass die Monster dieses Leben verlassen und für immer an einem Ort der Finsternis blieben, ohne die Möglichkeit, sich ein neues Leben auszusuchen. Doch darauf wollte er lieber nicht vertrauen, dachte er voller Abscheu. Danya musste noch in diesem Leben bestraft werden!

Langsam wurde Lilli ruhiger. Nach Ewigkeiten, in denen sie einfach nur dalagen, drehte sie sich um und schaute ihn mit geröteten Augen an. »Es ist Black, nicht?«

Alex nickte.

»Ich konnte ihn nicht retten«, sagte sie matt.

»Du hättest nichts tun können«, antwortete Alex und merkte, dass er kaum die Kraft fand, zu sprechen. »Selbst ich kann nichts mehr für ihn tun.«

»Ich hatte wahnsinnige Schmerzen. Hier. Warum hat es mich fast umgebracht?« Lilli legte die flache Hand auf ihre Brust.

Das war der Schmerz, den auch er gespürt hatte. Schock allein kann es nicht gewesen sein, überlegte er. Aber eine Verletzung auch nicht. Jedenfalls nicht Lillis Verletzung. Beunruhigt betrachtete Alex ihre Hände, die sich unaufhörlich über ihrer Brust kneteten, als könnten sie eine unsichtbare Schmerzquelle wegkneten.

»Wie geht es dir jetzt?«, fragte Alex vorsichtig zurück, da er keine Antwort wusste. Gleichzeitig hoffte er, dass sie die eine Frage nicht stellte, die Frage nach dem Täter.

»Der Schmerz ist fast weg. Aber vorhin, draußen, da dachte ich, ich ersticke. Ich war dann ganz weg, bewusstlos. Alex, was war mit mir los? Es macht mir Angst.«

Alex setzte zu einer Antwort an, doch Lilli sprach auch schon weiter: »Und dann diese Bilder, als hätte ich Blacks ganzes Leben gesehen, als wäre ich Black gewesen! Ich habe auch dich gesehen.«

Ein Schauer lief Alex über den Rücken. Er wischte sich über die brennenden Augen. Verflixt war das verrückt! Bestimmt war es ein Anzeichen, dass sein Mentor doch recht behielt und Lilli mehr als ein gewöhnliches Menschenmädchen war. Alex musste allerdings seine Vermutung noch für sich behalten, sich an logischen Erklärungen festhalten. Denn was Seraphim glaubte, lag im Bereich von Legenden und Magie.

»Delfine stoßen Schallwellen aus, für menschliche Ohren nicht wahrnehmbar. Damit orten sie. Im Wasser spüre ich diese Schallwellen, wenn ich in ihrer Nähe bin. Kann sein, dass Black im Sterben solche Wellen ausgesendet hat. Und diese trugen seinen Schmerz zu dir. Du warst wie ein Empfänger.« Alex machte eine kleine Pause, in der er überlegte, ob er ihr eine weitere Theorie erzählen sollte. Er entschied sich dafür.

»In unserer Überlieferung steht geschrieben, dass im Anfang alles Leben eins war. Legenden, Mythen, Götter, Natur und alle Lebewesen lebten in Symbiose. Es heißt, dass unsere Vorfahren, die Uramphibien, mit allem eng verbunden waren, und dass sie mit anderen Lebewesen kommunizierten. Die Wasseramphibien spüren seit Urzeiten diese Verbindung wie eine enge Verwandtschaft. Wir sind heute noch in vielem dieselben Geschöpfe der Natur wie vor Millionen Jahren. Manche sagen, wir werden nie diese Triebe ablegen oder kontrollieren können. Sie denken, wir werden immer noch gelenkt von den Instinkten, wie sehr wir uns auch bemühen, den Gesetzen einer Kultur oder Zivilisation zu gehorchen. Vielleicht haben auch Menschen diese Instinkte und spüren wie früher die Verbundenheit zur Natur. Es wäre doch denkbar, dass besonders sensible Menschen das Leid eines Tieres fühlen können, wenn sie ihm nahe standen. Und womöglich stimmt es«, schloss Alex, »dass manche, wenn sie das Blut eines Tieres berühren, sein Leben mit den eigenen Augen sehen können.«

Vielleicht ist es aber auch die Tatsache, dass wir uns nahe sind, obwohl es gegen die Gesetze unserer Welt verstößt. Oder die Fünfte der fünften Tochter in dir erwacht. Diese Gedanken sprach Alex jedoch nicht aus. Er musste es für sich behalten. Vor allem, was Seraphim über Lillis Stammbaum herausgefunden hatte. Und er musste sich zunächst selbst überzeugen! Denn bis heute schien ihm die Theorie seines Mentors ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Noch blieb Zeit, den natürlichen Lauf der Dinge abzuwarten. Aber es wurde immer deutlicher, dass in Lilli mehr schlummerte. Und diese Erkenntnis beunruhigte ihn. Zumal er nicht wusste, wie viel von diesen Veränderungen an ihm lagen.

»Was meinst du mit Verwandtschaft?«, unterbrach Lilli seine Überlegungen. Sie zog die Stirn in Falten. Offensichtlich hatte sie sich seine Worte durch den Kopf gehen lassen.

»Seelenverbündete. Wesen, die auf eine geheimnisvolle Weise miteinander verwoben sind. Unsere Heiler nutzen manchmal diese Verbindung, um uns gesund zu machen. Frag mich nicht, wie. Aber in den meisten Fällen funktioniert es.« Alex richtete sich auf und bettete Lillis Kopf auf seine Oberschenkel. In Gedanken versunken streichelte er ihre Stirn.

»Heißt es wirklich, dass man durch das Berühren von Blut, die … Gedanken eines Delfins sehen kann?«, fragte Lilli nach einer langen Schweigeminute.

Alex schaute zu ihr hinunter, sein Herz zog sich zusammen. Lilli sah blass und krank aus. Er musste sich zusammenreißen, mit ihr so normal wie möglich reden. Sie beruhigen, indem er erklärte. Sie brauchte jetzt etwas, woran sie sich festhalten konnte. Logische Infos, Zusammenhänge. Damit konnte er ihr helfen, den Schock zu verkraften. Und sich selbst ablenken.

»Es steht in der Überlieferung«, begann er und zwang sich, seiner Stimme einen neutralen Ton zu geben, »dass manche von uns diese Gabe haben. Ich selbst glaube nicht daran. Es sei denn, man meinte uns Auserwählten. Denn dass wir besondere Gaben haben, ist unbestritten. Die Legenden sagen, dass das Blut die Essenz eines Tieres, seine Lebensquelle ist. Dass es Erlebnisse, Instinkte und Gefühle speichert. Manche kommen durch Berühren des Blutes dem Lebewesen so nahe, dass sie durch seine Augen sehen. Jetzt, wo du mir das erzählt hast, muss ich wohl meine Einstellung zu diesem Kapitel überdenken. Wer weiß schon, vielleicht gibt es ja auch Menschen, die das können. Wir haben schließlich gemeinsame Wurzeln: die Uramphibien. Wenn wir unsere Gaben bewahrt haben, wieso nicht auch ihr Menschen? Auf jeden Fall glaube ich, dass es für die, deren Instinkte noch stark sind, nichts Verlockenderes als Blut gibt.«

»Hm«, machte Lilli an dieser Stelle und rümpfte die Nase.

Ihr war anzusehen, dass sie nicht ganz überzeugt war. Ihr Gesicht entspannte sich aber ein wenig. Sie schien fürs Erste mit seiner Erklärung zufrieden zu sein. Sie wäre allerdings nicht seine Lilli, wenn sie nicht weiterbohren würde.

»Du sagst, wir stammen von den Uramphibien ab. Ich habe in der Schule etwas anderes gelernt.«

»Das hast du sicher«, sagte Alex. »Bei dem, was sie euch in der Schule beigebracht haben, fehlt garantiert ein Teil. Aber zu Darwins Entschuldigung sei gesagt, dass er das wirklich nicht hatte wissen können. Die eigentliche Geschichte der Menschheit beginnt im Urmeer, wie alles Leben.«

»Nun, bisher stimmt deine Theorie mit unserer überein«, sagte Lilli mit erschöpfter Stimme.

Alex sah sie mit gespielter Verwunderung an. Als er weitersprach, bemühte er sich um Leichtigkeit in der Stimme. »Wirklich? Gut. In unserer Geschichte geht es aber so weiter:

Im Urmeer entstanden die ersten Formen von Leben. Im Laufe von Jahrtausenden entwickelten sich dort die Uramphibien. Damals sahen wir natürlich noch nicht so aus wie heute.«

»Du meinst, ihr seid nicht so hübsch gewesen?«, warf Lilli ein.

Alex klimperte als Antwort mit den Wimpern und verspürte gleichzeitig Erleichterung, dass Lilli entspannter wurde.

»Genau das meine ich«, sagte sie. »Du weißt ganz genau, was du anrichtest, wenn du das mit diesen unglaublichen Wimpern machst?«

»Habe ich vergessen, du musst mich erinnern«, flüsterte er.

Doch Lilli ging nicht weiter auf sein Ablenkungsmanöver ein. Sie schaute in Gedanken versunken an ihm vorbei, ihr Gesicht war wieder traurig.

Alex musste sie schleunigst von den düsteren Erinnerungen ablenken, in die sie offensichtlich zurückglitt. Weitere Erklärungen aussprechen, Logik und Fakten. Alles, was sie vom Erlebten ablenkte, war willkommen, selbst wenn es wie ein Vortrag in der Schule klang. Er räusperte sich und stellte fest, dass auch er sich ganz gewaltig zusammenreißen musste. Immer wieder zuckte das schreckliche Bild von der Lichtung durch seinen Kopf.

»Jedenfalls waren unter den ersten Tieren, die die Erde bevölkerten, die Vorfahren der Delfine. Die Ichthyosaurier. Vor etwa zweihundert Millionen Jahren entwickelten sich daraus die Uramphibien. Sie konnten im Wasser, aber auch über Wasser atmen. Als ein Asteroid an Land alles Leben zerstörte, haben sie unter Wasser trotzdem überlebt. Allerdings spaltete sich die Art danach. Ein Teil davon ging ganz aus dem Wasser an Land. Im Laufe etlicher Hunderttausender von Jahren zweigte sich eine Art von den Landamphibien ab und passte sich den Bedürfnissen des Landlebens an. Zum Beispiel verschwanden die Kiemen. Dieser Zweig der Landamphibien ging schließlich in eine ziemlich eigensinnige Richtung. Sie entdeckten den aufrechten Gang. Ab hier dürfte die Evolutionstheorie dann wieder mit eurer übereinstimmen. Die wissenschaftliche Variante jedenfalls. Dass unsere Überlieferung auch was von einem neuen Leben nach dem Tod sagt, ist die mythische Seite des Ganzen.«

»Du meinst, dass der Mensch die Brücke zu seinen Vorfahren, den Landamphibien, abbrach?«, fragte Lilli. »In der wissenschaftlichen Variante?«

»So war es. Aber auch die Landamphibien veränderten sich. Äußerlich jedenfalls. Sie sahen der dominierenden Art an Land immer ähnlicher. Heute kann man sie nicht mehr von den Menschen unterscheiden. Sie behielten aber ihre Amphibieneigenschaften in ihrem Erbgut. Weil die Evolution eine kluge und geschickte Meisterin der Anpassung und Tarnung ist, versteckte sie ihre wahre Natur hinter einem unauffälligen Äußeren. Dennoch enthält ihr Erbgut bis heute die Eigenschaften der Landamphibien. Dieses Erbe wird nur aktiviert, wenn das Überleben auf dem Spiel steht, und was verborgen war, tritt dann ans Licht.«

»Und der andere Zweig der Menschenamphibien?«, fragte Lilli.

Sie sahen einander an.

Alex fuhr fort: »Das sind wir. Wir blieben im Meer und entwickelten uns dort weiter. Allerdings ging es bei uns etwas schneller. Na ja, wenn man über Evolution redet, heißt in diesem Fall schnell natürlich ein paar hunderttausend Jahre. Wir sahen schon sehr bald wie heute aus, entwickelten eine Kultur. Und als die Menschen an Land voranschritten, schauten wir uns das eine oder andere dort ab.«

»Aha«, kommentierte Lilli an dieser Stelle. »Geklaut habt ihr.«

Alex kniff sie in die Schulter, doch er musste unwillkürlich grinsen. »So würde ich es jetzt nicht nennen«, gab er mit gespielter Empörung zurück.

Lilli schnaubte, sagte aber wieder ernst geworden: »Die Landamphibien lebten also gut getarnt durch ihr Aussehen unter den Menschen. Ich nehme an, es gab kaum Möglichkeiten, sich an Land zu verstecken?«

»Die gab es bald nicht mehr. Und so mischten sie sich unter die Menschen, gründeten Familien und bekamen deren Kinder.«

»Das finde ich okay. Warum habt ihr das nicht geklaut? Euch mit uns zu … vermischen?«

Alex war einen Moment sprachlos, doch dann musste er auflachen. »Ich vermische mich doch oft genug mit einem Menschen, oder nicht? Einem sehr hübschen Menschenmädchen.«

Lilli lächelte schwach.

Endlich löste sich die Anspannung ein wenig und Alex atmete tief durch. Wobei ihm klar war, dass der Schock für beide noch längst nicht überwunden und das Gespräch nur eine oberflächliche Beruhigung war.

»Darf ich weitersprechen?«, fragte er mit einem gespielt sarkastischen Unterton.

Als Lilli wieder ihr Gesicht ernst werden ließ, wobei sie ihm deutlich zeigte, dass sie das Zuhören etwas Anstrengung kostete, fuhr Alex fort: »Die Landamphibien können also ihr Leben lang menschlich bleiben. Wenn in einer Familie diese Gene existieren, können sie zwar erwachen, müssen es aber nicht. Wir dagegen sind von Geburt an Wasseramphibien. Und wir halten uns seit Ewigkeiten vom Leben an Land fern.«

Lilli hatte die Augen geschlossen, öffnete sie als Alex nun verstummte. »Da fällt mir etwas ein«, murmelte sie. »Ich habe vor ein paar Monaten Eugenes Mutter im Internet kennengelernt. Es war so merkwürdig. Als Neunjährige hat sie ihre Eltern bei einem Bootsunglück verloren. Sie behauptet bis heute, dass eine Frau aus dem Meer sie gerettet hätte. Nicht alle Wasseramphibien scheinen der Welt an Land feindlich gesinnt zu sein.«

Alex schluckte. Die Erwähnung von Eugenes Namen machte ihn jedes Mal wütend. Doch er unterdrückte seinen Zorn, es wäre heute kein gutes Gesprächsthema. »Feindlich sicher nicht, nur distanziert. Was Menschen angeht. Was Landamphibien dagegen angeht, so stimmt feindlich tatsächlich.«

»Seltsam«, sagte Lilli nach einer Weile gedankenverloren, »gemeinsame Wurzeln und dennoch tief verfeindet. Andererseits ist es bei den Menschen noch schlimmer. Die gleiche Art und doch führen Menschen gegeneinander Kriege.« Sie runzelte die Brauen und wechselte das Thema. »Hast du auch die Schmerzen vorhin gespürt?«

Alex seufzte und biss sich auf die Lippen. Plötzlich war ihm wieder schwer ums Herz. »Nicht wie du. Der Delfin war schon tot, vermutlich habe ich deinen Schmerz gespürt. Unser Seelenband lässt uns auch immer etwas von dem spüren, was der andere erlebt.« Alex machte eine Pause, dann stellte er die Frage, die ihn seit vielen Minuten beschäftigte: »Hast du in den Erinnerungen Blacks gesehen, wer ihm das angetan hat?«

Lilli blickte erschrocken zu ihm auf. Sie schien zunächst nicht zu begreifen, was Alex da fragte. Doch dann nickte sie langsam. »Black hat es nicht kommen sehen. Seine Mörderin hat es geschickt angestellt, als sie ihn eingefangen hat. Sie hat aber nicht damit gerechnet, dass er sich aufbäumen würde. Und für den Bruchteil einer Sekunde habe ich Danyas Gesicht sehen können.«

Alex nickte langsam. Seine Nackenhaare sträubten sich.

Lange schwiegen sie.

Schließlich unterbrach Lilli die Stille. »Kann man überhaupt bei Tieren von Gefühlen reden?«

»Aber sicher!«, rief Alex, froh, von seinen finsteren Gedanken abgelenkt zu werden. Von seiner wiedererwachten Wut auf Danya, die in ihm heftiger kochte denn je. »Natürlich sind sie nur bedingt mit menschlichen Regungen vergleichbar. Aber nimm zum Beispiel Hunde. Du hast sicher beobachtet, wie sie spielen. Da kannst du nicht ernsthaft abstreiten, dass sie Freude dabei empfinden.«

Lilli nickte. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über ihr Antlitz. »Ich habe auch den Paarungsakt bei Black gesehen. Es war berauschend. Wie vollkommenes Glück. So unmittelbar.«

Alex nickte ihr zu. »Auch Delfine haben dabei Spaß, nehme ich an. Da hast du den Beweis, dass sie Gefühle haben. Anders als bei Menschen sind sie nicht gefiltert durch den Verstand oder durch die Regeln der Gesellschaft. Keine Gedanken, keine Moralvorstellungen, kein Gewissen. Nur nackte Emotion.«

Einen Moment lang herrschte Stille, dann sagte Lilli: »Es ist schön in deiner Welt. Die vielen bunten Fische. Und diese Unterwasserlandschaften! Ich hätte nicht gedacht, dass es so spannend da unten ist. Und die Siedlung erst! War das Thalassa 3?«

»Wie sah sie aus?«

»Ein mehrstöckiges Gebäude aus einem riesigen Felsen gehauen. Darüber schwebten unglaublich lange Tangblätter. Die waren echt, oder? Und da waren … gewölbte Fenster. Licht schimmerte hindurch. Es sah wie ein leuchtendes Wesen von einem fremden Stern aus.«

Alex lachte leise. »Das ist Thalassa 3. Es ist seltsam, dass du es gesehen hast.«

»Seltsam, ja. Andererseits freue ich mich. Ich will deine Welt besuchen. Nimmst du mich mal mit?« Sie schaute ihn erwartungsvoll an.

Die Vorstellung beschäftigte Alex selbst seit geraumer Zeit. So gern hätte er Lilli seine Welt gezeigt! Doch es verstieß gegen ihre Regeln. »Eines Tages nehme ich dich in meine Welt mit«, sagte er dennoch.

»Das klingt so, als wäre dieser Tag noch weit weg.«

»Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich überlege mir einen Weg. Du musst wissen, dass es verboten ist.«

»Das dachte ich mir. Aber vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit.«

Alex nickte. »Davor nimmst du mich in deine Welt mit.«

Sie schaute ihn mit Unverständnis an.

»New York. Deine Heimat«, sagte er mit Nachdruck.

»Ach so«, machte Lilli. »Ja, die.«

»Was heißt ja, die?«

»Es ist irgendwie nicht mehr so ganz meine Heimat. Die ist jetzt hier. Bei dir.«

Alex spürte, wie ihn Freude durchströmte. »Trotzdem werden wir eines Tages in New York Hand in Hand durch die Avenues und Streets schlendern«, sagte er.

Lilli lächelte. »Schlendern kannst du in New York nie. Du wirst durch die Stadt rauschen. Denn sie nimmt dich sofort mit in ihre pulsierende Mitte. Es gibt kaum Orte dort, die still und ruhig sind. Es gab vor Jahren einen solchen Platz, nach dem Unglück. Am Ground Zero. Als es passiert war, war ich noch ein Kind. Eines Tages, etwa ein Jahr danach, bin ich mit meiner Klasse dorthin gegangen. Es war das Seltsamste, das ich je in New York erlebt habe. Und das will was bedeuten. Das umzäunte Gebiet war gespenstisch still. Menschen liefen an den Zäunen entlang, hielten vor den Zetteln inne, die immer noch überall hingen. Sie galten denen, die noch vermisst wurden, oder denen, die dort gestorben sind. Zwischen Polizisten am Zaun standen Menschen, weinten still oder schauten nur entsetzt auf den Platz hinunter. Ich hatte meine Fotokamera dabei, sollte Bilder für die Schülerzeitung machen. Doch ich war wie gelähmt. Ich habe die Kamera einer Klassenkameradin überlassen. Es war mir nicht möglich, zu fotografieren, so bedrückend wirkte dieser Platz. Nie werde ich die Stille dort vergessen. Wenige Blocks weiter hat mich das pulsierende Leben der Stadt wieder aufgenommen und doch war es in mir so leer und still gewesen wie nie zuvor und auch nie danach in dieser Stadt. Erst hier am Meer habe ich wieder ein bisschen davon wiedergefunden. Obwohl es natürlich eine ganz andere Art von Ruhe ist. Sie existiert nicht durch Trauer, Schmerz und Tod.«

Alex streichelte ihr über die Schulter. »Ja, das Meer ist stiller als die Welt darüber. Aber auch in seinem Herzen gibt es Schmerz und Tod. Überleben, Jagen und Fressen überall. Es gibt viele Ground Zeros in meiner Heimat. Orte, an denen gestorben wird. Doch haben diese Tode nichts Unnatürliches an sich. Die Kreaturen des Meeres töten nicht aus Hass.«

Lilli sagte lange nichts. Ihr Gesicht war angespannt, sie dachte offensichtlich über etwas Schmerzhaftes nach.

»Doch!«, platzte es plötzlich aus ihr heraus. »Auch im Meer gibt es Kreaturen, die aus Hass töten. Danya hat es getan.«

Wut floss in Lillis Gesichtszüge, verhärtete sie und vertrieb alles Liebliche daraus. Alex hatte sie nur einmal mit diesem Gesichtsausdruck gesehen. Als sie erfahren hatte, was Rex vorhatte. Ja, sie hatte recht. Es gab natürlich auch im Meer Wesen, die aus Hass bereit waren, zu töten. In Zeiten, in denen das Böse wiedererwachte, in denen es gescheiterte Auserwählte gab, gab es auch Tod und Zerstörung. Er erzitterte, als hätte sich Lillis Wut mit seinem Herzen verbunden, wie noch vor Minuten ihr Schmerz sich auf ihn übertragen hatte. Doch er behielt seine Überlegungen für sich.

»Ich kümmere mich um Black«, sagte Alex abrupt und erhob sich.

Lilli setzte sich auf, doch sie fragte nicht weiter. Mit gequältem Blick sah sie ihm zu, wie er seine Kleidung abstreifte. Wieder traten Tränen in ihre Augen.

Bevor er in Shorts nach draußen verschwand, drückte Alex ihr einen Kuss auf die Stirn und wischte ihre Tränen weg. »Versuch, zu schlafen. Ich bin bald zurück«, sagte er mit erstickter Stimme.

Lilli nickte nur, doch sie sah nicht aus, als könne sie jetzt einschlafen. Kurz hatte es den Anschein, als wolle sie ihn zurückhalten. Sie drückte ihn aber nur einen Moment an sich.

Er lächelte, doch hinter diesem Lächeln verbarg er seinen brennenden Schmerz. Schnell wandte er sich ab.

Als Alex ins Freie trat, traf ihn erneut der Anblick seines getöteten Freundes bis ins Mark. Nur mühsam beherrschte er sich. Es hatte aufgehört zu schneien. Alex erkannte im harten Licht des Morgens die unterschiedlichen Fußspuren im Schnee. Lillis Spuren waren frischer als die, die zu Black und wieder von ihm weg führten. Und es sah aus, als führte eine Reihe von Spuren aus dem Feld auf die Lichtung zu der Stelle, wo Lilli gelegen hatte. Die Fährte der Mörderin, dachte Alex grimmig und biss sich in die Hand, um nicht laut bei der Vorstellung aufzuschreien, dass Danya womöglich bei der bewusstlosen Lilli gewesen war. Er zitterte am ganzen Körper.

Endlich hatte er sich so weit im Griff, dass er es schaffte, zu Black zu wanken. Er schulterte den Delfin und machte sich auf den Weg Richtung Meer. Die Stängel der Zuckerrohrpflanzen peitschen ihm ins Gesicht, auf Schultern und Oberkörper und spitze Steine schnitten unter seiner Last in seine Fußsohlen. Doch das war nichts gegen den Schmerz in seinem Inneren.

Als Alex den Rand des Feldes erreichte, blickte er sich schnell um. In diesem Moment wehte der Wind das entfernte Geräusch eines Autos herüber. Es kam vom Anwesen auf dem Hügel, Lillis Zuhause. Schnell trat er mit seiner Last zurück ins Feld. Als das Auto sich näherte, duckte er sich, doch er erhaschte einen Moment lang einen Blick auf zwei junge Männer, die sich angeregt unterhielten. Erst als das Motorengeräusch verstummt war, spähte er erneut auf die Straße. Nichts. Nur von weit hinten drang das leise Schluchzen Lillis aus dem Boot zu ihm. Sein Herz krampfte sich zusammen. Er schulterte Black wieder und lief zum nächsten Durchgang im Berg. Mit großen Schritten stapfte er durchs Wasser, zog den Körper mit sich hinab in die Tiefe.

Es wurde still um ihn herum. Die Kälte des Wassers beruhigte Alex ein wenig, obwohl er seine schreckliche Fracht immer noch festhielt. Eine Blutwolke löste sich von Black und hinterließ einen durchsichtigen rötlichen Vorhang. Je tiefer er tauchte, desto dunkler und stiller wurde es. In seiner Welt war es trotzdem nie vollkommen leise.

Hier und da drang ein Knacken und Rascheln zu Alex, ferne Geräusche von Schiffen. Und wenn er ganz genau hinhörte, konnte er Fischschwärme hören, Möwen, die über dem Wasser dahinzogen, ja, sogar den Gesang weit entfernter Wale. Seltsam, dachte er, was man in Momenten großen Schmerzes bewusst wahrnahm.

Ein Pfeifen unterbrach plötzlich die Stille. Aus der Finsternis des offenen Meeres tauchte geisterhaft der Umriss eines Tümmlers auf. White.

Alex hielt inne, drückte kurz Black an sich und stieß ihn dann mit steifen Bewegungen zu White hinab.

Einen Moment dachte er, die Delfindame würde wie gelähmt stillhalten. Doch schon schwamm sie unruhig um den sinkenden Körper, gab dabei nervöse Klicklaute von sich und drehte sich schwindelerregend um die eigene Achse.

Alex blickte White lange nach, rührte sich nicht. Das Meer schien mit ihm den Atem anzuhalten.

Als beide in den dunklen Abgrund verschwunden waren, schwamm Alex langsam zurück. Er erreichte bald seichtere Tiefen. An einem Felsen rollte er sich zusammen und schloss die Augen. Er wusste nicht, wie lange er so am Meeresgrund verharrte, gelähmt vom Schmerz.

Als er schließlich sanfte Schallwellen auf der Haut spürte, öffnete er die Augen. Alex blickte in das braune Auge von White. Er richtete sich auf und streckte ihr seine Hand entgegen. Nur sehr zögerlich schwamm White heran und schmiegte ihren Schnabel an seine Hand. Hätte er es nicht besser gewusst, hätte er wetten können, die Delfindame weinte. Ein Geräusch irritierte Alex, als höre er einen zweiten Herzschlag. Als halle Blacks Herzschlag in White nach. Doch er tat es als Einbildung ab. White drückte noch einmal ihren Schnabel an seine Hand, blickte ihn traurig an und schwamm dann mit leisen Flossenbewegungen davon.

Allein der Gedanke an Lilli trieb Alex schließlich zur Rückkehr an. Sie brauchte ihn jetzt, sie sollte nicht zu lange allein bleiben.

Wenig später erreichte er das Ufer. Noch eine Sache musste er erledigen, bevor er zurück zum Boot und zu Lilli ging: den blutigen Schnee beseitigen.

Schnell machte sich Alex an die Arbeit. Er kratze die blutgetränkte Spur, die sich vom Rand des Zuckerrohrfeldes durch den Tunnel im Berg und bis zum Ufer zog, zu einem Haufen zusammen, machte daraus einen großen Schneeball und brachte ihn ans Meer. Dort warf er ihn ins Wasser, schaute zu, wie er langsam unter der Oberfläche verschwand und sich im Wasser auflöste. Auf seinem letzten Gang zurück ins Zuckerrohrfeld verwischte Alex seine Fußspuren im Schnee. Schließlich erreichte er die Kajütentreppe, hielt sich aber nicht damit auf, sich abzutrocknen.

Ein kalter Luftzug begleitete ihn, als er hinabstieg und zu Lilli an die Koje trat.

Sie richtete sich auf und blickte ihm aus geröteten Augen entgegen. Noch immer sah sie fahl und aufgewühlt aus und hatte es eindeutig nicht geschafft, zu schlafen.

»Es tut mir so leid. Ich weiß, wie gern du den Delfin hattest«, sagte Lilli und wischte sich über das Gesicht.

Alex setzte sich auf den Boden neben der Koje. Wasser tropfte auf die Holzplanken. »Sie war so traurig.«

Eine Hand legte sich winterkalt auf seine nackte Schulter. »Wer?«, fragte Lilli leise.

»Ich habe Black zurück ins Meer gebracht. White muss sich in der Nähe der Küste aufgehalten und auf ihn gewartet haben. Sie hat den toten Körper ihres Partners umkreist, ist ihm bis zum Meeresgrund gefolgt.« Alex stockte, holte gepresst Atem, bevor er weitersprach. »Sie ist zurückgekommen und hat mich lange angesehen, als hätte sie gewartet, dass ich ihren Black rette. Ich habe noch nie einen Delfin so traurig gesehen. Selbst ihr immerwährendes Lächeln war weg. Ich weiß nicht, ob es Tiere gibt, die weinen, doch White tat es auf ihre Art.«

Lilli sagte lange nichts. Mit zusammengekniffenen Augen und ausdruckslosem Gesicht lag sie nur da.

Alex merkte, wie sich seine Trauer langsam in Wut verwandelte. Sie begann in ihm zu brodeln wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Er biss die Zähne zusammen, bis seine Kiefer schmerzten. In diesem Moment konzentrierte sich sein ganzer Hass auf Danya. Und Alex schwor sich, nicht eher zu ruhen, bis er sie gefunden hatte.

»Warum hat Danya das getan? Warum hat sie Black abgeschlachtet?«, hörte er Lilli mit belegter Stimme fragen.

»Weil es ihr Spaß macht.«